Handwerk im alten Rathenow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 23:24


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Bäckerei Thonke (2013)

Im Mittelalter bis herauf in das 18. Jahrhundert bildeten die Zünfte, später  Innungen und Gewerke, einen Eckpfeiler der Städte. So waren von 168 Häusern, die in Rathenow nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1660 schon wieder einen Besitzer hatten, über zwei Drittel in den Händen von Handwerkern. Infolgedessen ist es erklärlich, dass die Zünfte durch die vier Gewerke in Rathenow, die Tuchmacher, Schneider, Bäcker und Schuhmacher, und ihre sonstigen Vertreter aus der gemeinen Bürgerschaft zusammen mit dem Rat oder auch gegen ihn einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt auszuüben vermochten. Doch auch auf das bürgerliche Leben mussten die Innungen und Gewerke schon durch die Zahl ihrer Mitglieder einwirken. Denn da sie in einer geschlossenen Bruderschaft den strengen Bestimmungen der Innungssatzungen unterworfen waren, so war es ihnen nicht nur möglich, dass sie zu Ansehen und Macht kamen und der Stadt ein festes Rückgrat gaben, sondern sie wurden auch ein erzieherisches Vorbild für die Bürgerschaft. Die Artikel sämtlicher Rathenower Innungen stimmen mehr oder weniger, wenigstens in den Hauptgedanken: Pflege des Gemeingeistes und Aufrechterhaltung der Standesehre, überein. Die erste Bedingung, Meister zu werden, war die Erwerbung des Bürgerrechts und der Kauf eines eigenen Hauses. Dadurch wurde der junge Meister nicht nur sesshaft, sondern auch durch die ihm als Hausbesitzer auferlegten Pflichten eng mit der neuen Heimat verbunden. So mussten zum Beispiel die Rathenower Zimmer- und Maurermeister nebst ihren Gesellen mit Picken und Äxten beim Ausbruch eines Feuers erscheinen und es löschen helfen.  Eine andere Forderung, die von nachhaltiger Bedeutung war, betraf die Abstammung und Herkunft des Meisters. Er musste schon als Lehrling in seinem Geburtsbrief nachweisen, dass er von ehrlichen und frommen Eltern abstamme. Auch die Frauen der Meister und die Gesellen waren demselben Gesetz unterworfen, und „derjenige, so aus toller Liebe zufähret und eine rüchtige (berüchtigte) Person heiratet und dadurch dem Handwerk einen Schandfleck anhänget, soll im Handwerk nicht gelitten, sondern daraus verstoßen werden. Die Reinheit der Gesinnung erstreckte sich auch auf das Leben innerhalb des Gewerks. Hohe Geldstrafen, sogar Ausschluss trafen den, der einen Gildebruder mit ehrenrührigen Worten oder handhafter Tat angriff, wer ihn heimlich verleumdete, wer dem anderen Meister die Gesellen abspenstig machte, wer bei der Arbeit sich nicht des Fluchens enthielt, wer vor geöffneter Lade Zank erregte, wer mit der Faust auf den Tisch schlug, wer dem Altmeister ins Wort fiel, wer sich beim Umtrunk übel aufführte. Die innere Sauberkeit sollte sich auch in der Arbeit kundtun. Pfuscher wurden nicht im Handwerk geduldet. Wer schlechte Ware lieferte, wer den Käufer durch falsches Gewicht, durch minderwertige Zeuge, Felle, Leder betrog, wer Bauarbeiten nicht vorschriftsmäßig herstellte, nasses Holz verarbeitete und anderes mehr, verfiel in hohe Strafen. Die Arbeit musste in jeder Beziehung ohne Tadel sein. Das ist der höchste Ruhm des deutschen Handwerks gewesen, dessen heller Glanz die Jahrhunderte vom Mittelalter über die Renaissance und das Barock, bis zum Rokoko Friedrichs des Großen und zum Biedermeier erleuchtete. Die Strafen und die Einstands – und Quartalsgelder der Lehrlinge, Gesellen und Meister waren nicht gering. Sie wurden aber immer zum Besten des Handwerks, zur Unterstützung ins Unglück geratener Gildebrüder und zur Pflege der Kranken und Armen des Gewerks oder der Hospitäler verwandt. Der Gemeinsinn fand in ihrer Anwendung den besten Ausdruck. Auch bei Begräbnissen zeigte sich das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Handwerkerstolz der Innung. „Wenn ein Meister oder Meisterin in Gott versterbt, so soll die Gilde verbodet (aufgefordert) werden, bei Straf einer Tonne Bier, dem Leiche zu Grabe nachzufolgen, und den Knechten (Gesellen) soll eine halbe Tonne Bier gegeben werden, dass sie das Leich tragen und beläuten. Sterbt ein Knecht, Magd oder Kind, soll man den Knechten 2 märkische Groschen geben, dass sie es zu Grabe bringen und die Gilde verbodet werden und dem Leiche zu Grabe nachfolgen bei Straf drei Schillinge.“ So verlangten es die Grobschmiede in Rathenow Ende des 16. Jahrhunderts und die Maurer ermahnten 1715 darüber hinaus: „Wann das ganze Gewerk samt ihren Weibern zum Begräbnis verboten (eingeladen), sollen sie an der Türe oder anderswo mit Worten einander nicht schimpflich begegnen, damit das Lachen und öffentliches Ausrufen auf den Gassen nachbleibe, sondern ein jeder soll sein züchtig und seinem Bruder oder Schwester das Geleite geben. Würde aber einer, er sei Meister, Gesell oder Weib, keiner ausgeschlossen, solche unchristliche Tat und Leichtfertigkeit mit Lachen oder anderen Phantasey, wie gedacht, nicht unterlassen, der soll jedes Mal dem Handwerk 3 Groschen Strafe erlegen.“ Und nun folgt die Ordnung, welche die Meister, Gesellen und Lehrlinge sowie die Weiber innehalten sollen, „zu Paaren und nicht durcheinander.“ Die Meister durften bei solchen feierlichen Gelegenheiten Degen tragen, „solange sie sich dessen nicht missbrauchten,“ den Gesellen aber war es durch Edikt vom 6. 8. 1704 verboten worden. Wenn zwei Drittel der Bürger Rathenows den Vorschriften der Innungssatzungen unterworfen waren, so lässt sich wohl mit Fug behaupten, dass durch sie die gesamte Bürgerschaft zum Guten beeinflusst wurde. Man fühlt in diesen Privilegien aus der Rathenower Innungsgeschichte, die für Jahrhunderte die Richtschnur für eine gesunde Entwicklung des Handwerks waren, das Weben des alten Zunftgeistes, der das Handwerk unserer Vorväter so groß gemacht hat. Durch Tatkraft und Einigkeit, Ehrsamkeit und Ehrlichkeit, tüchtige Arbeit, Pflege der Hilfsbereitschaft gegen Kranke und Arme, Sauberkeit im Handwerk und Leben hatten die Meister ein hohes Ansehen. „Ehrt Eure alten Meister, so wahrt Ihr gute Geister!“

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Geschichte

Der Kurfürstliche Eisenhammer

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 23:15


clip_image002Eisenhammer in Rathenow

Bei der Eroberung von Rathenow durch den Großen Kurfürsten am 15. Juni 1675 spielte auch der Kurfürstliche Eisenhammer eine wichtige Rolle. Über ihn schritten die brandenburgischen Truppen zum Sturm auf die Wasserpforte , wobei 100 Schweden niedergemacht wurden. Von hier aus bezwangen die Brandenburger von innen das Steintor und öffneten es ihren vor dem Tor harrenden Kameraden. Dieser Eisenhammer war etwa 10 Jahre vorher vom Großen Kurfürsten erbaut worden und zwar auf der nördlichen der beiden Inseln, die vor der Wasserpforte bis zu der Stelle sich erstreckten, an der sich jetzt das Oberhaupt der Schleuse neben dem Paradeplatz befindet. Bis zu dieser Zeit hatte dort die Schönfärberei des Tuchmachergewerkes und der Gewandschneidergilde gestanden, die infolgedessen an anderer Stelle aufgebaut werden musste. Die Anlage des Eisenhammers erfolgte in der „Zuversicht, es würden Unsere getreue Untertanen kraft Unsers allbereit am 29. Majii Anno 1666 desfalls publizierten und am 10. August Anno 1674 und am 7. Januarii Anno 1676 wiederholten Edikts zu ihren Notwendigkeiten sich dessen Eisens der Gebühr erholet…..haben.“ Es ist aber offensichtlich, dass nicht nur die „Notwendigkeiten“ seiner Untertanen, sondern auch militärische Erwägungen den Kurfürsten zur Anlage des Eisenhammers bewogen, da seine vielen Kriegszüge eine starken Verschleiß an Eisen mit sich brachten. So können wir in dem Rathenower Eisenhammer, wie in den gleichen Anlagen zu Peitz, Krossen, Hegermühle, Zehdenick und anderen, vor allem Rüstungsbetriebe erblicken, die selbstverständlich auch den wirtschaftlichen Zwecken der Bevölkerung dienten. Das hier verhüttete Erz war der Raseneisenstein , eine schwarze, an der Luft rötlich werdende, schwere, im Anbruch glänzende und tropfenartig zusammengeschlossene Masse, die sich bei Rathenow am Haveldamm und auf Grünauer Gebiet, bei Neustadt a.D., zwischen Havelberg und Wilsnack, sowie in der Neumark am Finow, in der Zauche in den Wiesen fand und schon seit Jahrhunderten in der Mark verarbeitet worden war. Mit der Bereitung der für die Verhüttung erforderlichen Holzkohlen waren besondere Kohlenbrenner in der Königsheide beschäftigt. Die Hämmer des Werkes wurden durch die Wasserkraft des Stadtgrabens, des heutigen Schleusenkanals, in drei Gerinnen getrieben. Der Erfolg des Unternehmens war mäßig. Der Pächter Georg Gabriel Wichmans hausen schreibt 1689: „ Weil dieser Hammer dieses Jahr renoviert und auf andere Art eingerichtet, so ist davon kein Überschuss erfolget.“ 1691 wurde Etienne de Cordier Inspektor der Hammer- und Hüttenwerke, der sich sehr um den rathenowschen Hammer bemühte. Er ließ, da die Wohnungen der Handwerker gänzlich ruiniert waren, für mehr als 400 Reichstaler (600,00 €) ein Haus bauen, um den Faktor und eine Teil der Handwerker unterzubringen, ferner auf ein anderes einen Stock aufsetzen und eine Anzahl weiterer Ausbesserungen vornehmen. „Ich habe mich,“ schrieb er 1702 an den König, „alles dessen befleißigt, was der Wiederherstellung der Hammerwerke dient und ihre Einkünfte vermehrt, und meine Sorgen sind nicht nutzlos gewesen, weil ich den Werken von Peitz 2600 Reichstaler (3900,00 €) jährlich anstelle von 2000 (3000,00 €), denjenigen von Crossen 1000 Reichstaler (1500,00 €) jährlich statt 750 (1125,00 €), denjenigen von Rathenow 350 (525,00 €) statt 140 Reichstaler (210,00 €) habe übergeben lassen.“ Cordier scheint viel Verdruss gehabt zu haben. 1695 überredete man zum Wiederaufbau der Stadt Sandau den König, den ganzen Wald, aus dem man die Kohlen nahm, herzugeben, so dass nichts für Kohlebereitung übrigblieb. Das Holz aber diente nur zum Teil dazu, Sandau aufzubauen, vielmehr wurden die schönsten Stämme diese Waldes von einem gewissen Individuum nach Hamburg verkauft und daraus viel Geld gemacht, woraus dieser Gewinn zog. Um nun diesen Hammer mit Unglück und Verderben zu überhäufen, erhielt der Faktor dauernd Befehle, die Schützen des Hammers zu heben, damit die Wiesen der Einwohner keinen Schaden litten. Dadurch schlug der Hammer so langsam, dass der größte Teil des Eisens ausgebrannt wurde. Schließlich musste Cordier gegen allerlei üble Nachrede 1702 die Gnade des Königs anrufen. Nach ihm stand der Eisenhammer unter der Leitung des Geheimen Kammerrates Christian Friedrich Lüben , des Hofrates und ersten Leibmedikus Dr. Krug und des Rates, auch Archivarius Dr. Chuno, „welche aber, weil das Werk sehr zurückgekommen war, damit nicht zurechte kommen können.“ Viel Schuld an der Unrentabilität des Hammers trug die Einfuhr fremden Eisens, das häufig gegen Tuch und andere Waren umgetauscht wurde. Der Große Kurfürst wandte sich energisch dagegen, und sein Nachfolger verbot auch die Ausfuhr alten Kupfers, Messings, Glocken- und Grapengutes (eiserne Töpfe), Bruch- und alten Eisens. Die Schmiede mussten sich eidlich verpflichten, nur mit dem Kurzepter oder Adler gestempelte Eisen zu verarbeiten, und den Kauf- und Handelsleuten war verboten, bei Verlust der Ware, Pferde, Wagen oder Schiffe fremdes Eisen einzuführen. Aber ein großer Erfolg blieb aus. So schlug denn 1720 dem Kurfürstlichen Eisenhammer seine Stunde. Er ging ein und die Arbeiter und Kohlenbrenner wandten sich nach Hohenofen. Als 1769 die Wiederherstellung des Hüttenwerkes angeregt wurde, lehnte Friedrich der Große sie ab, da „dieser holzfressende Hammer mit der Zeit den gänzlichen Ruin Grünauischen Forst nach sich ziehen würde.“ So bleibt der Kurfürstliche Eisenhammer für uns nur eine Erinnerung an den Versuch des Großen Kurfürsten, seinem Volke und dem Staate wirtschaftlich und militärisch zu helfen, den aber sein Enkel Friedrich Wilhelm I. als zu kostspielig aufgab, da die Verwüstung der Königsheide für ihn in keinem Verhältnis zu den geringen Einnahmen des Eisenhammers stand.

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Geschichte

Pfarrherr Heinrich Buckow im Rathenower Gefängnis

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:59


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Rittergut Milow (2013)

Das mussten anno 1364 sowohl die Rathenower Ratsherren, als auch der Pfarrherr der Burg Milow zu beiderseitigem Schaden erfahren. Pfarrer Heinrich Bukow war nach Rathenow gekommen und dort mit den Ratsherren in ihrer eigenen Versammlung in Streit geraten. Die Ursache des Zwistes ist uns nicht bekannt, man kann aber annehmen, dass es sich um politische Fragen handelte. Denn Milow gehörte dem Erzbischof von Magdeburg, der sich viel Mühe gab, auch Rathenow als Einfallstor in die Mark in seinen Besitz zu bringen, und es 30 Jahre später auch wirklich durch Waffengewalt und Verrat gewann. Wahrscheinlich versuchte Heinrich Bukow an den Rathenowern seine Überredungskünste, dass sie von ihrem Markgrafen abfallen sollten, und die Rathenower lehnten es als treue Märker ab. Der Pfarrer ereiferte sich mehr und mehr und ging soweit in seinem Ungestüm, dass er sie mit Schimpfworten beleidigte und ihren guten Ruf und ihre Ehre in leichtfertiger Weise anschwärzte. Aber der tolle Zorn tut mehr Schaden als drei Dreschflegel. Das erlebte auch Heinrich Bukow. Die Ratsherren legten gewaltigtätig Hand an den unverschämten Priester, misshandelten ihn weidlich und warfen ihn in den Kerker, wo er in Fesseln über sein Auftreten nachdenken konnte. Soweit wäre die Angelegenheit ordnungsgemäß verlaufen, indem nach der Auffassung der Zeit auf einen Schelmen anderthalbe gesetzt waren. Nur eins hatten die Rathenower unterlassen, sie hatten die Einkerkerung ohne richterlichen Spruch vorgenommen. Und da der Gestrafte noch dazu ein Priester war, der unter dem Schutz der Kirche stand, so fiel ihnen ihre rasche Tat schwer auf die Seele. Sie erinnerten sich daran, welche schweren Folgen die Ermordung des Propstes Nicolaus von Bernau vor 40 Jahren für die Berliner gehabt hatte. Dieser, der gefährlichste Gegner Ludwigs des Bayern, hatte am 16. August 1325 von der Kanzel der Marienkirche zu Berlin in flammender Rede gegen den vom Papst gebannten Wittelsbacher gepredigt. Darüber brach die Wut der Berliner gegen ihn los. Er wurde vor der Kirche erschlagen, sein Leichnam auf den Neuen Markt geschleppt und dort auf dem Hochgericht verbrannt. Die Vergeltung, welche die Stadt Berlin dafür erlitt, war furchtbar. Sie wurde vom Papst Johann XXII. mit dem Bann belegt, der erst nach 22 Jahren von ihr genommen wurde, nachdem sie eine hohe Geldbuße bezahlt, einen Altar in der Marienkirche gestiftet und ein Sühnekreuz mit einer ewigen Lampe neben dem Kirchenportal errichtet hatte, wo der Propst erschlagen worden war. Während dieser langen Zeit hatte jeder Gottesdienst aufgehört und keine Glocke war erklungen. Ohne Sang und Klang waren die Toten begraben worden, kein Kind hatte die Taufe und kein Brautpaar den Segen der Kirche empfangen und auch das wirtschaftliche Leben der Stadt war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Da die Rathenower mit Schaudern an die Folgen dachten, die vielleicht auch Papst Urban V. über sie verhängen würde, so bemühten sie sich, eine friedliche Beilegung herbeizuführen. Von beiden Parteien wurden Schiedsmänner erwählt, und ein kaiserlicher Notarius wurde hinzugezogen, und so kam denn am 3. Weihnachtsfeiertage 1364 in der St. Marienkirche zu Rathenow ein gütlicher Vergleich zustande. Daran waren beteiligt auf der Rathenower Seite der Vizevikar Reyner von Berktzow als Schiedsrichter, sowie die Ratsherren Dietrich Wedeghen, Heinrich Dranse, Albert Wagenitz, Christoph von Bamme, Hermann Mews, Johannes Wulf, Henning von Foro, Nicolaus Pulmann, Johannes Dore, Nicolaus Moringk, Albert von Rynow, Bethekin Scroder (Schröder), Nicolaus Wils und Willikin Smetstorp. Auf der Gegenseite stand der Schiedsmann Johannes Alexii, Vikar im Dorfe Trebetzyn (wohl das eingegangene Dorf Trepzin am Gollenberg). Außerdem waren zugegen die Geistlichen Hermann Klitzing, Pfarrer in Rathenow, Bertram von Eigentorp, Arnold von Lochow, Dietrich von Zernitz, Nicolaus von Nordstede, Pfarrer in Nauen, Petrus, Pfarrer in Bamme, Johannes Crakow und die Rathenower Bürger Albert Vilther, Boldewin Bredekow, Arnold Sandow, Johannes Magnestorp (Mangelsdorf), Nicolaus Theltow, Michael von Pargam. Als kaiserlicher Notar fungierte Sander Nyendorp (Neuendorf).  Dieses stattliche Aufgebot an Priestern und Bürgern, das uns gleichzeitig zeigt, wie lange sich einzelne Familiennamen in Rathenow erhalten haben, brachte einen Vergleich zustande. Die Rathenower bekannten demütig ihre Schuld, baten um Schonung und Vergebung und erklärten sich zu jeder Sühne bereit, die der Spruch der Schiedsmänner ihnen auferlegen würde. Darauf antwortete der Pfarrer Heinrich Bukow, dass er wohlwollend und gutwillig vergebe und auch wegen der erlittenen Behandlung zu keiner Zeit späterhin Klage erheben werde. auch bitte er wegen der ausgestoßenen Schmähungen gebührend um Verzeihug. Danach setzten die Schiedsmänner fest, dass die Rathenower dem Pfarrer Heinrich Bukow eine lebenslängliche Buße von 4 Pfund brandenburgischen Pfennigen in 4 Raten am Fest der Beschneidung (1. Januar), zu Ostern, Johanni (24. Juni) und Michaeli (29. September) zu zahlen hätten. Die Ratsherren verpflichteten sich in ihrem und der Stadtgemeinde Namen, diese Summe, die nach heutigem Wert ungefähr 1200 Mark betrug, ordentlich und pünktlich abzuliefern. So hatte dieser Zwist ein friedliches Ende gefunden. Die Rathenower waren zu einer Zeit, als die Kirche eine gewaltige Macht darstellte, noch glimpflich davongekommen, und sie hatten, wenn sie auch zahlen mussten, wenigstens die Genugtuung davongetragen, dem Pfarrer seine Beleidigungen gebührend eingetränkt zu haben, denn „es ist besser in die Faust, denn in die Luft geredet.“ Den Pfarrer in Milow aber wird die ganz nette jährliche Zubuße haben vergessen lassen, dass sie ein Schmerzensgeld für eine selbstverdiente Unbill war, denn, wie mancher meint, stinkt Geld nicht. Er wird aber auch gelernt haben: „Wer in das Feuer bläst, dem fliegen die Funken in die  Augen.“

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Geschichte

Der Wehrturm der Kirche in Hohennauen

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:56


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Wehrturm der Kirche Hohennauen (2013)

Von der Ritterherrlichkeit ist nur der alte, als Wehrturm errichtete Kirchturm zu Hohennauen übrig geblieben. Er steht heute noch fest und unverrückbar, als wären die mehr als 700 Jahre nach seiner Erbauung spurlos an ihm vorübergegangen. Und mit ihm träumt zu seinen Füßen in unveränderter Schönheit der Hohennauener See als einziger treuer Schicksalsgefährte, der Zeuge alles dessen wurde, was der Turm erlebte. Alles andere wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte. Die Burg fiel in Trümmer und auf ihnen wucherten neue Herrenhäuser empor, Geschlechter kamen und vergingen, und aus einem kleinen Kiez wurde ein großes Dorf. Doch der Turm überdauerte alle Wandlungen, und seine Steine können erzählen, was in vielen Jahrhunderten in Hohennauen geschah. Als Albrecht der Bär vor 800 Jahren das Havelland in seinen Besitz brachte, wurden die wichtigen Flussübergänge durch Burgen befestigt. So erhielt auch der Winkel zwischen dem Hohennauener See und der Stollense, dem schiffbaren Abfluss des Sees zur Havel – den Kanal ließ erst Friedrich Wilhelm I. 1718 bis 1719 zur Entwässerung des havelländischen Luches graben – ein festes Haus oder Schloss. Zu seiner Anlage erwies sich ein Hügel links der Straße für geeignet, während der als Wehrturm vorgesehene Kirchturm auf dem gegenüberliegenden Hügel zwischen Straße und See seinen Platz fand. Eine Zugbrücke über die jetzt versumpfte Stollense und eine Schanze vervollständigten die Sicherheit des Passes in das Ländchen Rhinow. Die anderthalb Meter starken Turmmauern wurden mit Schießscharten versehen, welche die Brücke, den See und das Gelände neben der Burg beherrschten. Die hier abgebildete zweieinhalb Meter breite Nische enthält Platz für drei nach verschiedenen Richtungen schießende Schützen. Das Schloss hat bis ins 15. Jahrhundert oft seinen Herrn gewechselt. Aus der Hand des Markgrafen kam es um 1375 an die Grafen von Lindow. 1386 verpfändete es der Bischof Dietrich von Brandenburg an Eckehard von Stechow und Arnd Friesack auf sechs Jahre. Nach ihnen hausten die Zicker in der Feste, bis ihnen die verwandte Familie von Rohr folgte. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts finden wir Hohennauen im Besitz der Herren von der H a g e n , von denen zwei Teile 1692 an die Familie von Rauchhaupt und ihre Rechtsnachfolger von Quast, von Bornstedt und von Kleist kamen. Jetzt gehört die ehemalige Burg der Gemeinde und ist für Schul-, Jugend- und Gemeindezwecke umgebaut worden. Die anderen beiden Teile blieben im Besitz der Familie von der Hagen, die seit 1792 in einem neuen Haus in Hohennauen wohnte, das jetzt Frau von Graefe gehört. Während von vielen Besitzern Gutes zu sagen ist, lässt sich von Klaus und Hans von Zicker nur Unrühmliches vermelden. Sie machten Hohennauen um 1400 zu einem Raubnest schlimmster Art, in dessen Verließen mancher Gefangene, seiner Habe beraubt, schmachten musste. So überfielen sie vor etwa 550 Jahren die beiden Bürger Hans Nitze und Laurentz Vischer aus Herzberg und schleppten sie nach Hohennauen, wo sie als Lösegeld 62 Schock böhmische Groschen und ein Halbtuch schönen Gewandes von ihnen erpressten. Und 1413 nahmen sie bei einem Zug in das Erzstift den Leuten in Wust neun Pferde und zwei Ochsen, die sie in ihre Burg schafften. Es war verständlich, dass das durch Menschenhand und Natur so stark befestigte „hus tu Hogenowen“ oder das „Slossz hoghenawen“ in seinen Besitzern ein stolzes Gefühl von Sicherheit hervorrufen musste, besonders zu einer Zeit, als im 14. Jahrhundert die Gewalt des Landesherrn gleich Null war und die Kraft des Armes noch nicht durch Pulver und Blei lahmgelegt wurde. Später allerdings, als nach Einzug der Hohenzollern Ruhe im Lande war, artete bei dem Vorherrschen engherziger Kirchturmpolitik bei Bürgern und Adel und bei dem Mangel an Betätigung in idealen und sozialen Bestrebungen das Herrentum oft in kleinliche Stänkereien, in endlose Prozesse mit den Rathenowern und Rhinowern aus, die beiden Teilen Schaden brachten.  Alle diese Veränderungen in den Beziehungen der Menschen und Häuser hat der alte Wehrturm ohne Erschütterung überlebt und er wird auch weiter stehen, festgefügt aus märkischem Backstein, wie ein Fels in der Brandung der Zeiten, auch wenn seine kriegerische Laufbahn zu Ende ist.

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Geschichte

Kleinkunst im Alltag im Havelland

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:52


clip_image002Alter Lehnstuhl vor einem
bleiverglasten Fenster
in Rathenow

Wenn ich unser Havelland durchstreife, werde ich immer wieder von der Natur in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen entzückt. Mein Herz freut sich über „Gottes Gaben“, „ über der schönen Gärten Zier“, „Narzissus und die Tulipan“, die Wälder Berge und Täler, Wiesen und Felder. Vielleicht lasse ich aber auch meine Blicke kurz auf den Blüten der Kleinkunst ruhen, die dem Meister Tischler, Schlosser und Schmied ihre Entstehung verdanken. Einst ein reicher Blumenstrauß handwerklicher Fertigkeit, sind ihrer immer weniger geworden, und erst die neue Zeit besinnt sich wieder darauf, was dieser Schmuck den Vorfahren einst bedeutete. Ist er für uns auch oft nur ein kurzer Blickfang, so war er für sie Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Es war ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Hausrat, die sich nach ihrer Weise gestalteten und ausschmückten. So drückten sie den Dingen, die sie umgaben, mit denen sie täglich in Berührung kamen, den Stempel ihrer persönlichen Eigenart auf. Dadurch entstand eine bürgerliche und bäuerliche Kleinkunst, die in vielen Gegenden Deutschlands herrlichste Blüten trieb. Wenn auch in der Mark Brandenburg die Formenbildung nicht so üppig wucherte, so kommt aber auch hier die Freude am Gestalten und der Ausdruck der Sinnigkeit zur Geltung. Man sieht in den Rosen und dem Namenszug, mit denen der Karabinierleutnant Graf von Sparr das Treppengeländer seines Hauses in der Fabrikenstraße (Wilhelm-Külz-Straße) schmückte, die Freude über seine junge Ehe und das von ihm 1785 gekaufte Besitztum. Man erkennt den Handwerkerstolz, vielleicht auch das glückliche Familienleben des Schmiedes Michael Brathe in Friesack an der Zahl der Hufeisen und dem lustigen Blütengerank in seinem Handwerkszeichen. Als es eine Straßenbeleuchtung auf dem Dorfe noch nicht gab – es ist noch gar nicht lange her! Man will des Abends auf dem Dorfe oder in den abgelegenen Straßen der Stadt jemand besuchen und hat vielleicht schon mit einem modrigen Straßengraben eine unliebsame Bekanntschaft gemacht, ist man da nicht froh, wenn aus der pechrabenschwarzen Finsternis ein Lichtschimmer, der durch eine Ausschnitt im Fensterladen aus der Stube fällt, einem zuwinkt: Hier ist gut sein? Auf das Klopfen wird der Flur erleuchtet, und man erblickt als Schatten gegen die Helligkeit in dem Oberlicht über der Tür die Anfangsbuchstaben des Freundes, seiner Eltern oder der Großeltern und eine Zahl erinnert daran, dass das Haus 1807 nach dem großen Brande neu gebaut ist. Die Haustür wird geöffnet und man tritt in die Stube und wird von der Behaglichkeit des Familienlebens umfangen, als dessen würdigste Sinnbilder die alte Truhe mit dem schönen Beschlag und der noch ältere Lehnstuhl die Jahrhunderte überdauert haben. Nimmt sich der alte Lehnstuhl aus dem Jahre 1679 mit dem Sechsstern und dem Herzen, sowie der schönen Inschrift auf der Rückseite der Lehne in seiner Behäbigkeit nicht aus wie ein würdiger Bürger oder Bauer, auf dessen Festigkeit und Treue man sich verlassen kann? Diese wenigen Beispiele zeigen uns, dass es nicht schwer ist, die neuerdings wieder angestrebte Wohnkultur auch auf den angeführten Gebieten zur Ausführung zu bringen und dadurch unseren Häusern einen ganz persönlichen Ausdruck zu geben. Die Wetterfahnen, die Fensterladenausschnitte, die Oberlichter und der übrige Hausrat zeigen wes Geistes Kind man ist.

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Geschichte

Zahnarzt Lomnitz als Fotograf in Rathenow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:48


clip_image001Älteste in Rathenow gefertigte
Porträtfotografie

Auch im menschlichen Leben nimmt das Schicksal mit uns zuweilen ganz eigenartige Verschiebungen vor, vor allem in den Berufen. Das erfuhr auch vor hundert Jahren der Königlich approbierte Zahnarzt B. Lomnitz aus Berlin, der alle Jahre gewöhnlich zweimal nach Rathenow kam und im Zimmer Nr. 9 der „Goldenen Sonne“ die Zahnkranken behandelte. Im September 1842 gab er durch das „Gemeinnützige Wochenblatt für Rathenow und Umgebung“ folgendes bekannt:

„Mehrseitige Aufforderungen veranlassen mich zu der ergebensten Anzeige, dass ich von Mittwoch dem 21. des Monats an, vormittags von 11 bis 1 Uhr, Daguerreotyp - oder Lichtbilder –Portraits in 15 bis 20 Sekunden bei günstiger Witterung herzustellen bereit bin.“ In zahnärztlichen Angelegenheiten war er außerdem drei Stunden vorher und zwei nachher zu sprechen. So war der erste Photograph in Rathenow ein Zahnarzt, der geschäftstüchtig genug war, durch die erst vier Jahre vorher von dem Franzosen Daguerre erfundene Photographie auf lichtempfindlich gemachten, versilberten Kupferplatten sich Patienten zu ködern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unter den hier und da in Rathenower Familien aufbewahrten Daguerreotypien auch manche von Lomnitz angefertigt wurden. In derselben Zeit geschah auch die sonderbare Geschichte mit „Blitzwulffen“. Dieser, als Leutnant von Wulffen bei den Rathenower Kürassieren stehend, war bei einer Übung vom Blitz getroffen und, als er nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden konnte, zum Begräbnis aufgebahrt worden. Da bemerkte sein treuer Bursche, der nicht an den Tod seines Herrn glauben konnte und nicht von der Leiche wich, dass sich der kleine Finger bewegte. Auf seine Meldung wurden abermals Wiederbelebungsversuche angestellt, die auch mit Erfolg gekrönt waren. Der Leutnant wurde wieder lebendig und behielt außer dem Spitznamen „Blitzwulffen“ keinen Schaden zurück, nur hatte er Verlobung vollständig vergessen. Doch das ist weiter nichts Absonderliches. Es ist schon vielen passiert, dass ihr Gedächtnis in puncto Verlobung und Ehe gänzlich versagt hat, ohne dass sie vom Blitz getroffen wurden. Mit dem Gedächtnis hapert es überhaupt zuweilen sehr. Das beweist besonders deutlich eine Anzeige, die im Februar vor 75 Jahren im Kreisblatt für das Havelland stand. Da heißt es nämlich: „Hinter dem Hause der Witwe Menzel vor dem Berliner Tore steht schon seit zwei Jahren eine Miete Holz. Der Eigentümer möge dieselbe bis zum 20. des Monats abholen.“  Dass jeder Mensch einen „Sparren“ hat, kann kaum widerlegt werden. Aber bewiesen wird es dadurch, dass es 1892 in Rathenow ein  Junggesellenklub gegründet wurde mit dem Ziel, seine Mitglieder zu Hagestolzen zu erziehen. Mit einer Geldbuße wurde der bestraft, der in den Stand der Ehe trat. Leichte Verrücktheit kann man auch bei den Müttern der „Höheren Töchter“ konstatieren, die um 1892 ihre Töchter mit Schmuck, Putz und auffallend modernen Trachten in die Schule schickten. Es kam sogar vor, dass die Mädchen im Unterricht ohnmächtig wurden, weil sie zu fest geschnürt waren, und dass ihnen aus demselben Grunde die Turnübungen unmöglich wurden. Da war jene Anna Maria Rühl, die vor zweihundert Jahren (1742) als Zietenhusar diente, ein anderer Kerl. Drei Jahre hatte sie es verstanden, unerkannt als Soldat im Zietenschen Regiment ihre Pflicht zu tun. Da geriet sie mit einem Kameraden in Raufereien und wurde zum Spießrutenlaufen verurteilt, wobei „ihr Geschlecht offenbar“ wurde. Nun hatte das Soldatenspiel ein Ende und sie kehrte wieder zu ihre Frauenrolle zurück, indem sie 1744 in Berlin heiratete.

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Geschichte

Die Jakobskapelle in Brandenburg

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 17:58


clip_image002Jakobskapelle in Brandenburg an der Havel (2013)

Um es gleich vorweg zu nehmen, die St. Jakobskapelle in Brandenburg, um die es sich hier handelt, ist nicht, wie es unter Menschen manchmal geschieht, verrückt „geworden“, sondern nur verrückt „worden“, und zwar ging das so zu. 1892 sollte die Jakobstraße in Brandenburg verbreitert werden, wobei die Kapelle, die schon seit 1320 an derselben Stelle stand, im Wege war. Da die Stadt Brandenburg stets bemüht war, ihre Eigenart durch Erhaltung und Pflege ihrer Bauten zu wahren, so wurde die Kapelle nicht kurzerhand abgerissen, wie man es wohl anderswo getan hätte, sondern man beschloss, sie um 11 Meter nach Westen zu rücken. Das Unternehmen erregte in bautechnischen Kreisen Deutschlands Aufsehen und wurde mit Spannung verfolgt, da es damals zu den größten Seltenheiten gehörte, ein massives Gebäude, das seine 4500 Zentner wog, zu verschieben. Der Versuch glückte, und nachdem die Kapelle am ersten Tage um 3,50 am zweiten um 3,88 und am dritten um3,62 Meter verschoben worden war, stand sie fest auf ihrem neuen Fundament.
Das Absonderlichste aber erlebte ich selber. Vor einigen Jahren bat mich der Leiter eines großen Werkes in Rathenow zu sich wegen zweier Schädel, die beim Ausheben einer Fundamentsgrube gefunden worden waren. Ich sah mir die Fundstelle und die Schädel an, und als ich nach Hause fuhr, tauchte allmählich aus der Vergessenheit eine Chaussee auf, auf der zwei Männer gingen und jeder in der Hand einen in Zeitungspapier gewickelten runden Gegenstand trug. An einem Wäldchen links des Weges machten sie Halt und buddelten dort die beiden Schädel, die sich in dem Papier befunden hatten, ein. Die beiden Männer waren mein Freund und ich selber. Er hatte den Auftrag von seiner Mutter erhalten, die Schädel nach dem Tode seines Bruders, der sie von irgendwo mitgebracht und lange Jahre aufbewahrt hatte, aus dem Hause zu schaffen. Da mein Freund auch ein Eulenspiegel war, so verabredeten wir, sie dort zu verscharren, wo sie jetzt gefunden wurden, und freuten uns im Voraus, was für schwere Gedanken ein späterer Altertumsforscher in seinem Denkgehäuse wälzen würde, wenn er sie fände. Ich konnte natürlich nicht ahnen, dass sie so große Anhänglichkeit an mich zeigen würden, aber möglicherweise waren es Vorfahren von mir. So erhielt der geheimnisvolle Schädelfund eine vergnügliche Aufklärung.

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Geschichte

Königlich Preußischer Kammersänger Albert Niemann

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 16:43


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Torhaus - Eingang zum Weinbergfriedhof

1885 kam der Königlich Preußische Kammersänger Albert Niemann aus dem Gasthof „Zur goldenen Sonne“ in Rathenow und setzte sich auf den Bock des kleinen Jagdwagens, auf dem schon der Droschkenkutscher Hübener thronte. Albert Niemann hatte eine auffallend hohe Gestalt mit blondem, schon etwas ins Graue spielenden Vollbart, eine Flinte umgehängt. „Guck mal, das ist ja Niemann“, sagten die Leute. Albert Niemann war zu seiner Zeit der berühmteste Wagnersänger und auch Jagdpächter der Rathenower Stadtforst. Nachforschungen bei dem 92 jährigen Rentier Karl Legeler, als Besitzer der Jagd auf dem Jederitzer Feld Niemanns Jagdnachbar, und dem Rentner Otto Hübener, dem Sohne des alten Droschkenkutschers, ergaben viele Einzelzüge aus dem Leben des Menschen und Jägers Albert Niemann, die das Bild des großen Künstlers ergänzen. Albert Niemann wurde auf eigenartige Weise Opernsänger. Er war am 15. 01.1831 in Erxleben als Sohn eines Gastwirts geboren und wollte ursprünglich Maschinenbauer werden, musste aber das Studium aufgeben, da seinem Vater die Mittel fehlten. Als 18jähriger war er am Straßenbau zwischen Helmstedt und Morsleben mit Steinefahren beschäftigt, wie stets fröhlich und aus voller Kehle singend. Hier hörte ihn eines Tages der Direktor des Brunnentheaters in Bad Helmstedt, der, überrascht von dem Wohlklang und der Kraft der Stimme, Niemann mit nach Dessau nahm, wo er durch die Unterstützung einer musikliebenden begüterten Dame seine erste Ausbildung erhielt. 1866 – 1887 bezauberte er die Berliner in der Königlichen Oper durch seine volle und schöne Stimme, seine schauspielerische Begabung und imponierende Erscheinung. Den gewaltigen Eindruck, den er hervorrief, fasste nach der ersten Bayreuther Festspielwoche 1876 der Maler Anton von Werner in seiner Selbstbiografie in die Worte zusammen: „Wer unsern Albert Niemann damals als Siegmund in der Hundinghütte in der Lenz – und Liebesnacht gesehen hat, wer ihn hat singen hören. „Winterstürme wichen dem Wonnemond“, für den sind Bayreuth, Wagner und Niemann ebenso unzertrennlich wie unvergesslich.“ Albert Niemann war aber nicht nur ein begeisterter Sänger, er war nebenbei auch ein leidenschaftlicher Jäger, und dadurch kam er in Beziehung zu Rathenow. Von 1879 bis 1889 hatte er die Jagd in der Stadtforst gepachtet, anfangs allein, nach 5 Jahren mit dem Berliner Verleger Georg Bürenstein zusammen. Gewöhnlich hielt er sich hier den ganzen Mai über auf. Er wohnte zuerst bei Taute im Deutschen Hause, Berliner Straße 24, wo 1900 Kurfürstenapotheke stand. Später stieg er mit Vorliebe im Gasthof „ Zur goldenen Sonne“, Berliner Straße 21 ab, dessen Wirt Schütze hieß (früher Kaufhaus Bünger).  Morgens in aller Herrgottsfrühe hielt gewöhnlich der Droschkenkutscher Hübener, der auf dem Hof der „Goldenen Sonne“ wohnte, mit seinem, von zwei flinken früheren Husarenpferden gezogenen Jagdwagen vor dem Gasthof und holte Niemann zur Jagd ab. Gegen zehn Uhr kehrten sie zurück und fuhren nachmittags bis zum späten Abend nochmals fort. Zwischen beiden hatte sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Niemann fuhr nie anders als auf dem Bock neben dem Kutscher, und als einmal ein vorwitziger Referendar sich dort hinsetzte, wurde er heruntergeholt: „Neben meinem Freund sitze ich.“ Dafür ging aber auch Hübener für ihn durchs Feuer. So war er einst durchgeweicht und steif vom Friesacker Gerichtstag nach Hause gekommen und wollte es sich eben bequem machen, als unerwartet Niemann in die Stube trat mit den Worten. „Ich habe eben eine Schnepfe geschossen, die müssen wir suchen.“ Sofort war die Müdigkeit vergessen, und beide fuhren nach der Eschhorst. Nach langem vergeblichen Mühen, wollten sie schon die Suche aufgeben, als Hübener, durch das Stehen des Hundes aufmerksam geworden, wieder zurückging und die Schnepfe in einem Wachholderstrauch fand. Niemann schickte sie sofort an das Hofmarschallamt, denn es war damals unter den Jägern Brauch, die erste Schnepfe dem Hof zu übersenden. Die 20 Mark, die es dafür gab, schenkte er Hübener, wie er überhaupt jede Gefälligkeit mit einem Fünfmarkstück belohnte. Als der Sänger 1888 eine Gastspielreise nach Amerika antrat, kam er durch Rathenow und fragte auf dem Bahnhof den Hoteldiener vom Deutschen Haus: „ Ist denn der Hübener nicht da?“ Als der verneinte, sagte er: „ Grüßen Sie ihn schön von mir, ich fahre nach Amerika.“ Bei seiner Rückkehr ließ er sich bald wieder in Rathenow sehen und begrüßte seine Kutscher mit den Worten: „Na, Hübener, was denken sie, dass ich ihnen mitgebracht habe?“ Dieser meinte, das wüsste er nicht, aber abgelegtes Zeug könne er gebrauchen. Worauf Niemann sagte: „Ach, abgelegtes Zeug ist nichts. Lassen Sie sich von diesem Stoff einen schwarzen Anzug machen.“ Einmal lud er die ganze Familie zum Besuch des Zoologischen Gartens ein, und als Frau Hübener gelegentlich äußerte, sie möchte doch zu gern Niemann singen hören, schickte er umgehend Karten zum „Tannhäuser“. In demselben Jahre, als Kaiser Friedrich starb, wurde auch Hübener an derselben Krankheit, dem Kehlkopfkrebs, von Dr. Bergmann und Dr. Bramann operiert und lebte noch viele Jahre danach. Niemann erschien bald nach der Operation im Krankenhaus und war gerührt, dass er seinen lieben Kameraden wieder auf dem Weg der Besserung fand. Dieser traf einige Zeit danach auf dem Rathenower Bahnhof Dr. Bramann und dankte ihm, dass er ihm das Leben erhalten habe. Zu den Treibjagden lud sich Niemann seine Berliner Freunde ein, wie den Opernsänger Krolopp , den Generalpostmeister von Stephan. Auch die Rathenower Pächter und Besitzer, wie Legeler, Hobrecht, Jungnickel, mit denen er gute nachbarliche Jagdbeziehung pflegte, lud er gelegentlich dazu ein. Im Verkehr stets liebenswürdig, konnte er doch, wenn er gereizt war, sehr grob werden. So fielen einmal dem Hausdiener der „Goldenen Sonne“, als dieser ihm die Jagdstiefel auszog, zwei von Niemanns Lefaucheurpatronen, die mit einem vorstehenden Stift entzündet wurden, aus der Tasche. Niemann sprang wütend auf und verabreichte dem leichtsinnigen und diebischen Hausdiener eine so gründliche Tracht Prügel, dass dieser wohl sein Lebtage keine fremde Patrone angefasst haben wird. Rathenow hatte Albert Niemann in sein Herz geschlossen. Selbst wenn er mit seiner Familie zur Erholung nach Tegernsee gefahren war, hielt er es dort nur ein paar Tage aus, dann musste er wieder nach Rathenow. Vor allem liebte er unseren Friedhof, den er sehr oft besuchte. Seine heimliche Schönheit und Unberührtheit, die damals noch nicht entstellt waren, da jedem die Grabstätten der Vorfahren unter den hohen Baumhallen, zwischen Fliederbüschen und efeubewachsener Mauer ein unantastbares Heiligtum waren, hatten es ihm besonders angetan. Am 13. 01.1917 ist Albert Niemann in Berlin gestorben.

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Geschichte

Schwedenkönig Gustav Adolf in Rhinow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 16:38



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Spring in Rhinow (Gustav Adolf Quelle)

Die Rhinower Berge haben neben ihren mannigfaltigen landschaftlichen Schönheiten noch eine besondere Merkwürdigkeit. Es ist ein „Spring“, wie man hierzulande sagt, das heißt eine Quelle, die gegenüber dem Friedhof aus den Bergen hervorsprudelt. Die Menge und die Vortrefflichkeit ihres Wassers bewogen die Stadtverwaltung im Jahre 1908 dazu, einen Anschlag ausarbeiten zu lassen, nach dem die täglich 35000 Liter liefernde Quelle zur Anlage einer Wasserleitung benutzt werden sollte. Aus dem Projekt wurde jedoch nichts, und so verläuft die Quelle heute, wie das Leben so vieler Menschen, leider ungenützt buchstäblich im Sande. Im Sommer 2013 ist von der einst üppig sprudelnden Quelle nur ein kleines Rinnsal übriggeblieben, das gar bald unter Efeu im Boden verschwindet. Ihr Name „Gustav-Adolf-Quelle“ lässt vermuten, dass es mit ihr noch eine eigene Bewandtnis hat. Es ist auch in der Tat so. Die Bezeichnung weist auf den Schwedenkönig Gustav II. Adolf (*19.12.1594 – † 16.11.1632) hin, der von 1630 bis 1632 in den Dreißigjährigen Krieg eingriff, um sich die Herrschaft über die Ostsee als schwedisches Binnenmeer und wohl auch die deutsche Kaiserkrone mit Hilfe der evangelischen Fürsten zu erkämpfen, die sich aber, wie Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg und Johann Georg von Sachsen, weder von ihm gar nicht helfen lassen, noch ihn unterstützen wollten. Im Sommer 1631 hatte der „ Löwe aus Mitternacht“ die Havel von Spandau bis Rathenow besetzt, Havelberg genommen und bei Werben an der Elbe ein Lager bezogen, an dessen festen Schanzen sich der kaiserliche Feldherr Tilly sich vergeblich die Zähne zerbiss. Auf einem Erkundungsritt kam der König während dieser Zeit, wahrscheinlich von Brandenburg aus, wo er sich mit Unterbrechungen zwischen dem 13. Mai und dem 20. August aufhielt, auch nach Rhinow. Die Stadt und die Umgebung boten damals noch ein anderes Bild als jetzt. Ein Bericht aus dem 18. Jahrhundert schildert die Gegend folgendermaßen: „Gegen Mittag liegt ein kleines, aus vielen hohen und steilen Hügeln und Tälern bestehendes Gebirge, das sich in die Länge eine Viertelmeile, in die Breite aber einen guten Büchsenschuss erstrecket und nach Hohennauen gehöret. Unter den Hügeln raget sonderlich einer vor allen hervor, der vielleicht deswegen, weil er sich vor allen anderen sehen lässt, von selbigem auch weit und breit herum gesehen werden kann und deswegen vormals daselbst eine Warte gestanden, der Fackelberg genennet wird (jetzt Osterberg). Wie man dann von demselben gegen Mittag Ratenau, gegen Abend Havelberg und Sandau, alle auf zwei Meilen, gegen Mitternacht Kyritz, Wusterhausen und Neustadt auf drei Meilen, Ruppin auf fünf und Nauen auf sechs Meilen sehen kann. Das ganze Gebirge war ehedem mit Eichbäumen besetzet, welche die Herren von der Hagen aber ausgehauen und das Land zu einer Viehhut machen lassen. Unter den Eichen ist eine so groß und breit gewesen, dass eine ganze Herde Vieh gar füglich darunter hat mittags Ruhe halten können. Auch kommen aus diesen Bergen zwei herrliche Wasserquellen: eine südostwärts die andere nordwärts nicht weit von dem Ort, wo diese große Eiche gestanden.“ Die letzte ist die „Gustav-Adolf-Quelle“, während die andere wohl die ist, von der Dr. Albert Kuhn in den „Märkischen Forschungen“ folgendes erzählt: „An den Stöllenschen Bergen, dicht am Wege nach Rathenow, rieselt ein klarer und kühler Quell, von dem mir ein Bauer sagte, da müsse wohl eine recht „gode Springfru“ (gute Quellfrau) drinnen sitzen, die so schönes Wasser fließen lasse.“ Sie ist aber als Quelle verschwunden, nur feuchter Boden deutet ihre einstige Lage an. „Bei Abhauung des Gehölzes auf dem Rhinowschen Gebirge hat man eine Sandader gefunden, welche man anfangs nicht sonderlich geachtet, nach und nach aber durch die über den Pritzmarsee (Prietzener See) herfallenden Winde und der Sand auf die herumgelegenen Leim- (Lehm) Äcker eine halbe Meile weit hingetrieben, mithin diese zum großen Schaden der Besitzer mit Sand gänzlich bedeckt, jedoch durch unermüdete Sorgfalt des zeitigen Bürgermeisters, Herrn Schlichthaars, und auf dessen Angeben, auch teils eigene Kosten, teils Handanlegung der Bürger dem ferneren Schaden Einhalt getan. Der geschehene Schaden auch ersetzet worden, in dem man mit der Genehmhaltung der Gerichtsbarkeit gegen den Anstoß der Winde viel tausend Stück Weiden und andere Bäume gepflanzet, einen Kienenkamp angeleget und dadurch nicht allein dem Sand gesteuert, sondern auch den Boden zur Weide gemacht.“ Von der großen Eiche bei der Quelle heißt es dann weiter: „ Diese schöne Ansehen hat auch den König von Schweden, Gustav-Adolf, da er von dieser im Kriege sehr beträchtlichen Gegend Kundschaft einzog, gereizet, unter dieser Eiche sein Gezelt aufschlagen zu lassen und unter selbiger Tafel zu halten, bei welcher Gelegenheit er mit dem damaligen Prediger Peter Krug sich eine geraume Zeit unterredet.“ Als der König dann über Rathenow nach Brandenburg zog, begleiteten die Segenswünsche der Rhinower den nordischen Helden, der sich durch seinen Mut, seine Tatkraft, die Lauterkeit seiner Gesinnung und die Disziplin in seinem Heere vor vielen anderen Fürsten auszeichnete, mit der Zuversicht, dass er dem grausigen Kriege ein Ende machen würde. Vergebliches Hoffen. Auf dem Schlachtfelde von Lützen hauchte er am 16. 11.1632 seine Seele aus.

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Geschichte

Hochzeitsbäume

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 16:34


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Traueiche
in Linde im Landkreis Havelland

Einen der reizvollsten Aussichtspunkte der Rhinower Berge, den Galgenberg, schmückt eine große Akazie, die ein Rhinower Bürger an seinem Hochzeitstage pflanzte und 25 Jahre später noch mit einer Steinbank umgab, in welche er die Inschrift eingraben ließ: „C. (Carl) R. (Ribbe) DEN 9. 1. 1885 – 1910 GOTT WALT und ERHALT.“ Solcher sinnvollen Erinnerungsmerkmale an „des Lebens schönste Feier“ gab es früher in brandenburgischen Landen nicht wenige in und bei jedem Orte, so dass man wohl in Bezug auf das Pflanzen von Ehebäumen von einer Volkssitte sprechen kann, wenn auch diese, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nicht aus dem Volke geboren, sondern erst durch landesväterliche Fürsorge dazu geworden ist. Der Große Kurfürst hatte in seiner Jugend während seines Aufenthaltes in Holland den großen Segen einer geordneten Kultur von Bäumen jeder Art kennengelernt. In seinem eigenen Lande dagegen standen ihm nicht allein die durch den Dreißigjährigen Krieg verwüsteten und verwilderten Fluren, sondern dazu noch die stumpfe Gleichgültigkeit, besonders der Landbevölkerung, gegen jede Tätigkeit, die sich auf etwas mehr als auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse erstreckte, täglich vor Augen. Da gab er, indem er aus der Not eine Tugend machte, den Befehl, dass kein junges Paar in die Ehe treten dürfte, das nicht dem Pfarrer eine Bescheinigung vorlegte, dass es je sechs Obstbäume und Eichen gepflanzt hätte. Seine Nachfolger Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. erneuerten und ergänzten die Edikte nach den dabei gemachten Erfahrungen. So heißt es in dem letzten vom Jahre 1719: „Es soll auch allen Pfarrern in allen unsern Aembtern und anderen Domainen, auch in denen Ambts-Städten hiermit ernstlich und bey Vermeydung schwehrer Verantwortung anbefohlen seyn, dass sie hinfort und von dato an kein paar Ehe-Leute vertrauen sollen, es habe denn der Bräutigam, er sey ein junger Gesell oder Wittwer, von seiner Ambts-Obrigkeit einen beglaubten Schein und schriftliches Gezeugnis produciret, dass er zum wenigsten sechs Obst-Bäume in seinem Garten oder sonst an einem sicheren Ohrte würcklich gepflanzet, darneben auch zur Pflantzung eben so viel junger Eichen das Geld, als vor jedes Stück zwey Groschen, in das Ambt oder Gerichts-Obrigkeit, worunter er gehörig, erleget habe, massen unsere Forst-Bedienten, weiln die Unterthanen mit Pflantzung der jungen Eichen und Büchen nicht umzugehen wissen, jene aber in ihren Bestallungen zu dergleichen Pflantzung absonderlich angewiesen werden, solches von diesem Gelde gehörig zu bewerckstelligen, und welcher gestalt es geschehen, von Jahren zu Jahren anzuzeichnen und zu berechnen haben.“ So erhielten unsere Dörfer und Städte den landschaftlichen Charakter, der noch heute seine Reize ausübt. Die Gärten bedeckten sich in wenigen Jahrzehnten mit Obstbäumen, und innerhalb und außerhalb der Ortschaften reckten Eichen, Buchen, Linden, Rüstern ihr grünes Haupt zum Himmel. Es lässt sich wohl denken, dass viele Bewohner dem Befehle gern folgten, nicht nur weil sie seine praktische Bedeutung erkannten, sondern noch mehr, weil die in ihm liegende Sinnigkeit sie packte, so dass sie nicht nur die „zwey Groschen“ bezahlten, sondern noch darüber hinaus selbst einige Hochzeitsbäume freiwillig pflanzten. Mancher mag allerdings später mit gemischten Gefühlen und ingrimmigem Gesicht das Erinnerungsmal an die „schöne Zeit der jungen Liebe“ als „Trauerweide“ betrachtet, aber sich schließlich damit getröstet haben: „Wärmt`s auch das Herz nicht mehr, so gibt`s doch einmal wenigstens eine warme Stube.“ Von den alten Obstbäumen werden nur noch wenige stehen, aber von den anderen mag noch mancher Baum den Urenkeln der Männer Schatten spenden, die ihn zu ihrem Hochzeitstage gepflanzt haben. So trägt die Promenade auf den alten Wällen in Neu-Brandeburg prächtige, meist paarweis zusammenstehende Hochzeitseichen als schönsten Schmuck. Auch die herrlichen Alleen von Eichen und Buchen, die bei oder in vielen havelländischen Dörfern standen und teilweise noch stehen, verdanken diesem alten Brauch ihre Entstehung. Besonders trifft das auf die „adligen“ Dörfer zu, denn die havelländischen Edelleute waren von jeher durch Besitz und Blut der Natur und der Heimat besonders innig verbunden. Auch die „Traueiche“ beim Vorwerk Linde, deren Umfang fünfeinhalb Meter beträgt, ist vielleicht ein Hochzeitsbaum. Ihren Namen erhielt sie, weil in der Mitte des vorigen Jahrhunderts unter ihrem breiten Blätterdach die Trauungen und Taufen, sowie auch Gottesdienste für die Bewohner des Vorwerks stattfanden. Der poesievolle Zauber solcher Eheschließungen unter dem hohen Gewölbe der Eiche, auf deren Ästen die Vögel das Brautlied sangen, wird jedem Teilnehmer unvergesslich geblieben sein. 2013 ist die Traueiche leider nur noch als alter abgestorbener Baum zu bewundern. Die Einwohner von Linde haben zwar schon eine neue Traueiche gepflanzt, aber das dauert, ehe sie die Maße der alten Traueiche erreichen wird. Rathenow war früher stolz, jede Straßen der Stadt mit einer anderen Baumart bepflanzen zu haben. Reste davon sieht man noch am Friedrich-Ebert-Ring, wo ein paar Ginkgobäume von dieser Stadtverschönerung übrig geblieben sind. Obwohl es jetzt die Grünen gibt und der Tourismus einen großen Anteil des Wirtschaftsleben im Westhavelland ausmacht, hat die Stadt Rathenow solche Ambitionen nicht mehr. Kurz vor dem Weltkriege hat die thüringische Stadt Mühlhausen den Versuch gemacht, die schöne Sitte wieder aufleben zu lassen, indem sie die jungen Paare aufforderte, zwei Eichen für eine Hochzeitallee im Stadtpark zu pflanzen. Der Versuch verdient auch im Havelland umso mehr Nachahmung, als heute, wo wir an schönen Eichen-, Buchen- und Lindenalleen nicht mehr reich sind, die große Zahl der Eheschließungen die beste Gelegenheit böte, unsere Städte und Dörfer zu verschönen. Die Gemeinden könnten auf diese Weise zu prächtigen Anlagen kommen, die sie kaum einen Pfennig kosten würden, wenn sie nur einen Platz oder Weg zur Verfügung stellten. Die Pflege der Bäume würde jedes Paar sicher unentgeltlich und gern übernehmen. Des Dankes der Mit- und Nachwelt könnten die Ortsbehörden wie auch die Stifter der Hochzeitbäume sicher sein.

„Bauen, graben, pflanzen lasst euch nicht  verdrießen,
Ihr und die, so nach euch kommen, werden  es genießen.“

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