Geschichte der Stadt Rathenow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 14. Januar 2017 14:10

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Rathenow um 1860

Diese Stadtansicht von Rathenow um 1860 zeigt den Blick von Norden her über das Jederitzer Tor. Man kann auch das Alte Rathaus am Fuße der Sankt-Marien-Andreas-Kirche erkennen. Die städtebauliche Dominante ist die Sankt-Marien-Andreas-Kirche mit ihrem Turm.

clip_image003Sankt-Marien-Andreas-Kirche um 1840

1. Albrecht der Bär (* um 1100 - † 18.11.1170)
Albrecht war der einzige Sohn des Grafen Otte des Reichen von Ballenstedt und seiner Gemahlin, Eilika Billung von Sachsen, der ältesten Tochter von Herzog Magnus Billung von Sachsen. Er wuchs mit sechs Brüdern und drei Schwestern auf. Sein Bruder Siegfried wurde Erzbischof von Bremen und sein Bruder Bernhard, Herzog von Sachsen.
Albrecht I. (genannt der Bär) aus dem Geschlecht der Askanier war seit 1157 der erste Markgraf von  Brandenburg. Er begründete die Markgrafschaft durch die Unterwerfung der Liutizen. Liutizen oder Wilzen waren slawische Stämme, die südöstlich der Warnow bis nordwestlich der Uckermark wohnten und schon 928/929 von deutschen Feudalstaat unterworfen wurden, aber nach 983 unabhängig lebten. Albrecht der Bär unterwarf sie dann endgültig. Christliche Kaufleute ließen sich im immer größerer Zahl unter den Slawen nieder. Als Markgrafen von Brandenburg holten die Askanier viele Bauern aus dem Rheingebiet nach Brandenburg. Es ist sicher, dass an der  Havel eine Furt bestand und es wird vermutet, dass die deutsche Burg Rathenow in der Gegend des Stremmeabflusses bei der ehemaligen Ofenfabrik gestanden hat. Am Nordende des Weinbergs entstand die Altstadt. Der Schutzpatron der Kaufleute war der Heilige Nikolaus und so ist zu vermuten, dass die erste Kirche eine Nikolaikirche war. Die erste urkundliche Erwähnung von Rathenow erfolgte 1216.
2. Otto I. (*1128 - † 08.07.1184)
Otto I. war der älteste Sohn Albrechts des Bären.  Schon 1144 bekam er die Mitregentschaft von seinem Vater. Seit 1170 war er Markgraf von Brandenburg. 1180 gründete er das Zisterzienserkloster Lehnin, das fortan als askanisches Hauskloster galt.

Die Herrschaft der Askanier reichte bis 1320, als Heinrich II. kinderlos starb.

Name der Askanier

Geburts- und Todesjahr

Markgraf von Brandenburg

Albrecht I. (Albrecht der Bär)

1100 -1170

1150-1170

Otto I.

1128-1184

1170-1184

Otto II. (Otto der Freigiebige)

1147-1205

1184-1205

Albrecht II.

1150-1220

1205-1220

Johann I.

1213-1266

1220-1266 mit Otto III.

Otto III. (Otto der Fromme)

1215-1267

1220-1267 mit Johann I.

Otto IV. (Otto mit dem Pfeil)

1338-1308

1267-1308

Waldemar (Wald. der Große)

1280-1319

1308-1319

Heinrich II. (Heinrich das Kind)

1308-1320

1319-1320

Nach dem Aussterben der Askanier kamen schwierige Zeiten für Rathenow.

Die Markgrafen hatten Schulden. Markgraf Waldemar hat 1319 ca. 7.000 Morgen Heide an die Stadt abgetreten. Rathenow lag immer an der Grenze zum Bistum Magdeburg. Auch heute ist man mit dem Auto in fünf Minuten in Sachsen-Anhalt. 1394 wurde Rathenow bei strenger Kälte vom Erzbischof von Magdeburg Albrecht überfallen und ausgeraubt. Alle Rathenower, selbst schwangere Frauen, Kinder und Greise, ließ er auf die Landstrasse treiben. Da sind viele durch Hunger und Kälte oder grausamliche Schläge umgekommen, heisst es in einer alten Schrift. Die Einwohner der Stadt wurden verjagt und durften erst nach zwei Jahren zurückkehren. Hundert Wagen mit geplündertem Gut wurden nach Magdeburg gebracht und dort meistbietend auf dem Markt verkauft. Der Erzbischof von Magdeburg verlangte vom Markgrafen von Brandenburg 600 Schock böhmische Groschen. Da der Markgraf das Geld nicht hatte, verpfändete er Rathenow 1409 an Dietrich von Quitzow. Die Quitzows waren gefürchtete Raubritter. Der Markgraf Friedrich I. von Hohenzollern bekämpfte die Raubritter erfolgreich. 1428 wurde der Rathenower Stefan Bodeker Bischof von Brandenburg. 1446 führte das Recht des Salzverkaufs zu bescheidenem Wohlstand in Rathenow. Als Rathenow wieder einmal wegen der Geldnot des Kurfürsten verpfändet werden sollte, brachte es die Summe selbst zusammen. So konnte im Jahre 1466 der Münzmeister Michael Hemelporte den Rathenower Groschen prägen. Auf dem Groschen steht: Moneta Nova March rotenaw (Neue markgräfliche Münze von Rathenow). Auch gegen die Raubritter wehrte sich die Stadt. Der Raubritter Pater van Gryben wurde gefangen und verhungerte im böhmischen Turm an der Wasserpforte der Stadt Rathenow. 1536 bekam die Stadt das Recht für jedes Fuhrwerk, dass über die Lange Brücke am Haveltor fuhr einen Deichselpfennig zu erheben. 1539 wurde die Reformation im Land Brandenburg durchgesetzt. Die Stadt übernahm das Patronat über die Kirche. Der erste evangelische Pfarrer war seit 1540 Peter Richter.

clip_image005Sankt-Marien-Andreas-Kirche um 1916

clip_image006Eine Stadtansicht von 1939


                          1945 waren 80% der Stadt Rathenow zerstört

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                            Kirchentorso Zeichnung von Dagmar Tautz

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Weitere  geschichtliche Entwicklung von Rathenow wird noch bearbeitet

Die Geschichte der optischen Industrie in Rathenow

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Johann, Heinrich, August Duncker
(1936 fertigte Walter Thiel dieses Ölgemälde
nach einer Kreidezeichnung von Dunckers Urenkel, Kurt Gründler)

Der Prediger Johann, Heinrich, August Duncker gilt als Begründer der optischen Industrie in Rathenow. Rathenow führt den Namen "Stadt der Optik" in ihrem Titel.  Johann Heinrich August Duncker  hatte in Halle Theologie studiert und auch physikalische Vorlesungen gehört. In Halle hat er auch seine Liebe für die Optik entdeckt. Er war an der Universität in Halle mit einem Verfahren bekannt gemacht worden, wie man Gläser schleifen konnte. Um 1800 wurden in Deutschland nur gegossene Gläser hergestellt, die statt die Sehkraft zu stärken, eher die gegenteilige Wirkung zeigten. Nach dem Studium kam er nach Rathenow zurück, wo er seinem Vater, der Erzdiakon in der Kirchengemeinde war, als Gehilfe diente. Er bemerkte in den Gottesdiensten, dass die alten Leute die Gesangbücher nicht mehr lesen konnten. Um die Sehkraft seiner alten Gottesdienstbesucher zu verbessern, erfand er eine handbetriebene Vielschleifmaschine, mit der man 11 Gläser gleichzeitig bearbeiten konnte. Die Gläser konnten so präzise geschliffen werden, dass sie genau die benötigten Dioptrien für die Sehschärfenkorrektur ergaben. Sie waren auch billiger als die gegossenen Gläser, die praktisch unbrauchbar waren. Er richtete in Rathenow eine kleine Werkstatt in den Stallräumen des Pfarrhauses ein und begann mit der der Herstellung der Gläser. Am 10.03.1801 erteilte ihm König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Titel: " Königliche priviligierte optische Industrieanstalt" und das Patent für die Vielschleifmaschine. Mit dieser ersten Glasschleiferei wurde der Beiname Rathenows als "Stadt der Optik" begründet.

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Vielschleifmaschine wie sie Johann, Heinrich, August Duncker
zur Herstellung von Brillengäsern mit exakten Dioptrien verwendete


Die Geschichte der Bearbeitung von Gläsern  geht bis ins Mittelalter zurück. Man hat im Mittelalter Gläser ähnlich wie Edelsteine bearbeitet. Die Verfahren zur Bearbeitung von Gläsern wurden streng geheim gehalten. Wer in Venedig als Glasarbeiter auswanderte, wurde verfolgt und getötet. Man scheute sich auch nicht Verwandte ins Gefängnis zu stecken, bis der Entflohene zurückkam. Es kam aber immer auf die ruhige und geschickte Hand des Glasarbeiters an, welche Qualität die Linsen erhielten. Eine der ersten Maschinen wird in der Encyklopedie Francaise von 1761 beschrieben. Durch Drehen einer Kurbel wird das Glas gedreht und der Optikermeister führt das auf der Spindel befestigte Werkzeug über die Linse. Das Glas wurde gekratzt und nachher mit feinerem Schmirgelmaterial bearbeitet und dann poliert. Wie Duncker beschäftigte sich der Neuruppiner Rektor Henrici mit der Herstellung von Brillengläsern. Er hatte eine Schleifmaschine entwickelt, die so gut war, dass sie die preussische Akademie der Wissenschaften unterstützte. Der Rektor Henrici hatte das Unglück, sich mit einem Kaufmann zusammen zu tun, der nach einem Jahr das Werk in den Konkurs brachte und in Ausland floh. Johann Heinrich Duncker und sein Kompagnon Wagener kauften die große Schleifmaschine aus der Konkursmasse und schlachten sie aus. Daraus baute Johann Heinrich August Duncker seine eigenen Mehrspindelmaschine (Vielschleifmaschine) und meldete sie beim Amt als Patent an. Am 10.03.1801 erhielt er das königlich-preussische Patent. Wagener schrieb darüber: “ Diese Originalmaschine hat die vorzügliche Einrichtung, dass sie mittels Kinderkräften alle Arten von Gläsern, konkave, konvexe und mikroskopische auf stillstehenden Schüsseln schleift und dass keines der hier verfertigten Gläser eine für das Auge und den Zweck der Bewaffnung desselben nachteilige falsche Strahlenbrechung hervorbringt”. Die auf ein Haltestück aufgekittete Linse wurde vom Exzenterstift in eine taumelnde Bewegung versetzt. Die erste Bearbeitung geschieht mit Wasser und Sandstein. Dann erfolgt ein weiterer Arbeitsgang mit nassem grobem Sand und später mit feinem nassen Sand. Die verwendeten Werkzeuge waren meist konkave Schalen aus Kupfer oder konvexe Schalen  oder Kugeln aus Messing. Nach dem Schleifen erfolgte das Polieren mit nasser Seide. Später benutzte man in Rathenow als Polierpaste das Pariser Rot (BleiII II, IV-oxid) Menninge oder (Eisen-III-oxid) Eisenmenninge, was in Rathenow als “Rotenburger” bezeichnet wurde. Mit der Entwicklung der Fräsmaschinen und der Automatisierung ergaben sich natürlich ganz andere Möglichkeiten der Glasbearbeitung. Heute haben computergesteuerte CNC-Fräser diese Arbeiten übernommen (CNC=Compuerized Numerical Control). Es werden heute die meisten Linsen nicht mehr aus Glas sondern aus Kunststoff gefertigt.
Quelle: Michael Leitz, Wetzlar: Beitrag zur Wissenschaftliche Konferenz 10.03.2001 in Rathenow zum Thema “200 Jahre optische Industrie in Rathenow”.


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Das Geburtshaus des Predigers Johann Heinrich August Duncker steht in Rathenow gegenüber der Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Es ist das Haus Kirchplatz Nr. 12. Eine kleine Gedenktafel erinnert an den Begründer der optischen Industrie.



Am Bahnhof von Rathenow findet sich ein Denkmal mit der Bronzebüste des Begründers der optischen Industrie. Der Bahnhofsvorplatz wurde zu seinen Ehren Dunckerplatz genannt.

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Denkmal von Johann, Heinrich, August Duncker
auf dem Rathenower Dunckerplatz am Bahnhof

Der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow e.V. hat im Jahr 2000 eine Gedenkmünze herausgegeben. Sie zeigt den Prediger Johann Heinrich August Duncker auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Die Goldmünze (333iger Prägung) wird für eine Mindestspende von 100,00 € und die Silbermünze (999iger Prägung) für eine Spende von 50,00 € abgegeben. Die Einnahmen werden zum Wiederaufbau der Kirche verwendet.

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Grabplatte des Johann Heinrich August Duncker
auf dem Weinbergfriedhof in Rathenow




Heike Brett  bei einem Vortrag in der Dorfkirche Semlin
am 28.02.2016 über das Wirken von Johann Heinrich August Duncker
in Semlin

Video


Pfarrer Andreas Buchholz hielt am 28.02.2016 am Nachmittag eine kleine Andacht in der Semliner Dorfkirche. Über 40 Menschen drängten sich in der Winterkirche in Semlin, denn es war etwas Besonderes angekündigt worden. Nach der Andacht hielt Heike Brett einen Vortrag über den Pfarrer Johann Heinrich August Duncker (*14.01.1767 in Rathenow – 14.06.1843 in Rathenow) und seine Beziehungen zur Kirchengemeinde in Semlin. Schon in früheren Jahrhunderten wurde das Dorf Semlin von den Superintendenten und Pfarrern von Rathenow aus seelsorgerlich betreut. Diese Situation ist ja bis heute so geblieben. Für die Pfarrer von Rathenow war das natürlich neben der Arbeit und den weiten Wegen auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Heike Brett ging zunächst auf den Lebenslauf von Pfarrer Johann Heinrich August Duncker ein. Sein Rufname war August. Er hatte nach Schulbesuchen in Rathenow und Salzwedel in Halle Theologie studiert und in den Franckschen Stiftungen auch ganz praktische Erfahrungen beim Beschleifen von Gläsern erhalten. 1789 kam er nach dem Studium als Pfarrer nach Rathenow zurück. Als sein Vater zunehmend ertaubte, musste er nach und nach das Amt übernehmen und den Vater pflegen. Das Gehalt  von Vater und Sohn war mit 400 Talern pro Jahr bescheiden, weil sich beide eine Arbeitsstelle teilen musste. Da lag es auf der Hand, dass der technisch versierte Johann Heinrich August Duncker mit Hilfe des  Militärseelsorgers Christoph Wagener eine Optische Anstalt nach Erfindung seiner Vielschleifmaschine ins Leben rief, um seine Bezüge zu verbessern und den Kriegsinvaliden und zahlreichen arbeitslosen Jugendlichen insbesondere Militärwaisenkindern Arbeit verschaffte. Am 10.03.1801 bekam er die Genehmigung für eine Königlich Priviligierte Opitsche Industrieanstalt. Mit dem Pfarrer Johann Friedrich Meuß kam Johann Heinrich August Duncker von 1804 -1819 regelmäßig in die Semliner Kirche, die als Filiale zu Rathenow gehörte.  Im Mittelpunkt von Heike Brett´s Vortrag stand ein Visitationsprotokoll von 1810 der Pfarrer Meuß und Duncker in der Dorfschule in Semlin. Der Lehrer Johann George Böttger war 1810 schon 70 Jahre alt und musste bis zum 80. Lebensjahr als Lehrer in Semlin arbeiten. Seine Lebensumstände werden als sehr bescheiden dargestellt. Er hatte in seiner Wohnung eine Schneiderwerkstatt. Neben dem Schneiderhandwerk hatte der alte Lehrer Bienenvölker, um seine Einkünfte etwas aufzubessern. Gleichzeitig wurde in der Wohnung die Kinder unterrichtet, die kaum lesen, schreiben oder rechnen lernten. Meuß und Duncker beanstanden in ihrem Protokoll: Der  Religionsunterricht beschränkte sich gewöhnlich auf das Auswendiglernen und Hersagen einiger Sprüche und Hauptstücke. Beim Rechnen schreibt man auf die große Schultafel so Zahlen hin, prägt sich die Formeln derselben ein, übt sich in Ausprechen und geschriebnen Zahlen und dann hat man in Semlin das Rechnen glernt. Zwar wird auch das Kopfrechnen beschrieben, aber alle Aufgaben beschränken sich nur auf Addition und Subtraktion. Bis zum Dividieren möchte es in Semlin noch kein Schulkind gebracht haben. Beim Lesen ist es auch nicht viel anders. Es ist ein monotones Gesinge. Das Schreiben treibt der Lehrer ohne alle Regeln an Geschmack. Auch der Sinn für die Schönheit und Formen fehlt ihm. Es ist ein unansehnliches Geschmiere. Das Schreiben ganzer Worte können sie auch nicht. Einzelne Buchstaben werden buchstabiert. Sie können wohl schreiben, aber es nicht lesen. Bein Singen in der Schulstube wird dem Zuhörer angst und bange, da ja auch die Gemeinde erbärmlich singt. Der Lehrer wird als herzlich guter und folgsamer Lehrer beschrieben, der sich auch um seine Schüler kümmere. Im Sommer und im Winter wurden vormittags drei Stunden unterrichtet und am  Nachmittag mit Ausnahme von Mittwoch und Sonnabend nochmals drei Stunden. Die Ferien waren von Weihnachten bis zum 3. Januar, von Palmarum bis Mittwoch nach Ostern, von Pfingsten bis Mittwoch nach dem Feste. Zu den Markttagen in Rathenow an St. Johannis (24.07.) und an St. Michaelis (29.09.)  bekamen alle Schüler zwei Tage frei. In dem Bericht von Meuß und Duncker wird auch kritisiert, dass in der Wohnstube des Lehres sowohl der Unterricht stattfindet, als auch geschneidert  und gewohnt wird. Eine neue Schulstube von 16 Fuß Länge und 15 Fuß Breite wird als Anbau gefordert. Eine neue Schule wurde aber erst nach einem Brand 1875 errichtet. Die  Unsitte der Bauern sonntags in den Wald zu fahren, um Holz zu schlagen oder den Acker zu pflügen, zu sähen oder zu ernten wird von den beiden Pfarrern gerügt. Diese schlechten Beispiele könnten nur den schändlichsten Einfluss auf die Jugend haben. In den sechzehnseitigen Protokoll wird ein neuer Unterrichtsplan erstellt. Die beiden Pfarrer engagierten sich auch für die Gemeinde Semlin und stellten 1816 den Antrag an den Landrat, eine  Ziegelei zu errichten. Als Geistliche durften sie aber das nicht selbst tun und so wird 1817 Karl Borchmann mit einer Ziegelei auf der Lötze beschrieben. Damit konnten die Tagelöhner in Semlin einer geregelten Arbeit nachgehen und aus ihren sehr ärmlichen Verhälnissen erlöst werden.

Im Anschluss an den Vortrag von Heike Brett gab es noch eine Diskussion und Kaffee und Kuchen für alle Zuhörer.

Dr. Heinz-Walter Knackmuß

Gedenkversanstaltung zum 250. Geburtstag von Johann August Heinrich Duncker (14.01.2017)
Blauer Saal des Kulturzentrums Rathenow

1. Grußwort des Bürgermeisters Ronald Seeger
   

   Video Ronald Seeger

   14.01.2016

 

2. Dr. Bettina Götze hält einen Vortrag über die Situation Preußens im 18. Jahrhundert

Video-Dr.-Bettina Götze

14.01.2016

3. Pfarrer Andreas Buchholz hält einen Vortrag über den Pfarrer Johann Heinrich August Duncker im Blauen Saal des Kulturzentrums Rathenow am 14.01.2017 anlässlich des 250. Geburtstages des  Begründers der  Optischen Industrie in  Rathenow mit dem Titel :" Der praktische Gläubige - der gläubige Praktiker"

Video-Pfarrer Andreas Buchholz

14.01.2017



Geschichtssplitter
Kinos in Rathenow
Vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg (1939 -1945) gab es drei Filmtheater in Rathenow
1. Das Apollo ( heutiges Kulturzentrum in der Berliner Straße)
Das Apollo-Theater war ein richtiges Theater mit 999 Plätzen, weil es eine Vorschrift gab, dass ab 1000 Plätze ein eiserner Brandvorhang zwischen Bühne und Zuschauerraum installiert  werden musste.
2. Das Bellevue (zuerst in der Havelstr., dann in der Steinstr., heutiges Haveltorkino)
3. Das Capitol ( in der Großen-Hagen-Straße)

Pharusplan von 1925

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© Copyright : Dr. Heinz-Walter Knackmuß


Geschichte der Juden in Rathenow

Die erste Synagoge gab es im Seitenbeutel in Rathenow (Tempelhof). Vor der für normale Menschen unvorstellbaren fabrikmäßigen Tötung (1941-1945) der jüdischen Menschen in Rathenow durch die deutsche Regierung gab es zahlreiche jüdische Familien in Rathenow. Neben den Juden wurden durch die deutsche Regierung auch Behinderte, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten in den Todesfabriken umgebracht. Der langjährige Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Heinz Galinski (28.11.1912 – 19.07.1992), hatte 1933 in Rathenow als Verkäufer bei dem berühmten jüdischen Kaufhaus Conitzer gearbeitete und heiratete  Gisela Jacobsohn aus Rathenow. In der Jüdischen Rundschau Nr. 68 vom 26.08.1938 heißt es in einer Anzeige: Statt Karten, Gisela Jacobsohn und Heinz Ganlinski-Verlobte- Rathenow, früher Marienburg, Berlin, Schönhauser Allee 31.

Seine ganze Familie wurde durch die deutsche Regierung in Auschwitz umgebracht. Er war der einzige Überlebende. 1947 heiratete er seine zweite Frau Ruth Weinberg. Die Synagoge befindet sich in der Wilhelm-Külz-Str. (früher Fabrikenstraße) und wurde in der Progromnacht am 09.11.1938 angezündet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich ein Kindergarten in den Räumen der ehemaligen Synagoge. Jetzt ist das Haus in Privatbesitz. An dem Gebäude befindet sich eine Gedenktafel. Die Synagoge in der Fabrikenstraße befand sich innerhalb der Stadtmauern.

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Ehemalige Synagoge in der Fabrikenstraße
in Rathenow

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Innenraum der Alten Synagoge
in Rathenow (Tempelhof)
jetzt Platz der Jugend

Gleich daneben hinter der Stadtmauer war der Jüdische Friedhof, denn nach den diskriminierenden Vorschriften des Mittelalters durften Juden ihre Toten nur außerhalb der Städte beisetzten. Die jüdischen Gräber sind unrein und dürfen nach jüdischem Glauben nie wieder belegt werden. Sie haben einen Grabstein, wo der Name des Toten aufgeschrieben steht, denn nach jüdischem Glauben, dürfen nur Menschen auferstehen, deren Namen aufgeschrieben sind. Während der Naziherrschaft wurde der jüdische Friedhof zerstört und überbaut. In Rathenow-Neufriedrichsdorf befindet sich ein weiterer jüdischer Friedhof, der unzerstört geblieben ist. Es wäre schön, wenn sich eine jüdische Gemeinde in Rathenow wieder ansiedeln könnte.

Eberhard-Paul  Steinke (29.07.1932 - 07.09.2010) kam mit drei Jahren nach Rathenow. Seine Großeltern Bertha und Paul Jansong in Rathenow haben sich sehr um ihn gekümmert. Er hat viele Jahre seiner Kindheit in Rathenow verlebt. Sein Großvater, Paul Jansong, war Chef der Rathenower Gendarmerie und wurde 1945 von den Russen erschossen. Er war seine Bezugsperson und beschäftigte sich viel mit dem Enkelsohn. Der Großvater wurde unter den Nazis auch gerügt, weil seine Frau den Juden immer noch etwas an Lebensmitteln zusteckte. Auf einer Naziversammlung, bei der der Großvater anwesend war, rief ein Naziredner: „ Da gibt es in unserer Stadt ja eine gewisse Frau Jansong, die verkehrt noch mit Juden.“ In seinem Buch „ Hinterm Zaun“ schreibt der zuletzt auf Westerland (Sylt) lebende Eberhard- Paul Steinke etwas über das jüdische Leben in Rathenow und über den freundlichen Umgang seiner Großmutter mit den jüdischen Mitbewohnern. Er berichtet auch, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Westberlin Heinz Galinski getroffen hat, der ja eine Frau aus Rathenow geheiratet hatte. Als Eberhard-Paul Steinke ihm erzählte, wie seine Großmutter Bertha Jansong den Juden immer Lebensmittel zusteckte und sie freundlich begrüßte, meinte Heinz Galinski, der davon wusste, dass die Lebensmittel nicht das Wichtigste für die Rathenower Juden waren, sondern dass jemand sie achtete und ansprach in dieser schrecklichen Zeit. Das Haus der Großeltern Jansong in Rathenow stand neben den alten geschlossenen jüdischen Friedhof.


Bedeutende Persönlichkeiten,
die in Rathenow geboren sind

Zu den bedeutendsten Perönlichkeiten gehören:

1. Bischof von Brandenburg Dr. Stephan Bodecker (* 15.11.1384 in Rathenow - + 15.02.1459 in Brandenburg an der Havel)




2. Bischöfin von Hamar in Norwegen Rosemarie Köhn (*20.10.1939 in Rathenow -)















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Geschichte

Der Bismarckturm in Rathenow von Prof. Hans Müller

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 12. März 2015 17:35

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Hans Müller

 

Der Bismarckturm in Rathenow –


ein Gedenkturm

für den Märker Otto v. Bismarck,

ein Brandenburg-Turm für Rathenow

 

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Seit der Einweihung des Rathenower Bismarckturms vor nunmehr über hundert Jahren ist immer wieder einmal versucht worden, die gegenüber den vielen anderen Bismarcktürmen so ganz ungewohnte Gestaltung zu deuten. Bisher ist es nicht gelungen, eine überzeugende Erklärung zu finden. Der Autor hat sich deshalb eingehend mit den Berichten und Notizen befasst, die in der Zeit von 1909 bis 1914 in den lokalen Zeitungen Rathenows und anderen Quellen auffindbar sind und stellt die sich hieraus ergebenden Schlussfolgerungen dar.

Ein außergewöhnliches Bauwerk unter mehr als 200 Bismarcktürmen

Der Einfluss Otto von Bismarcks auf die Geschicke des deutschen Volkes ist bis in unsere Gegenwart hinein in vielfältiger Weise nachzuvollziehen. Ungeachtet auch mancher Kritik brandete schon zu seinen Lebzeiten eine Welle der Verehrung und Begeisterung für den ersten Kanzler des 1871 gegründeten Deutschen Reiches durch die deutschen Lande und darüber hinaus. Als ein außergewöhnliches Zeichen der Anerkennung seiner Leistung, besonders der von ihm vollbrachten Einigung Deutschlands, wurden bereits 1869 die ersten Bismarcktürme errichtet, denen im Lauf der Zeit weit mehr als zweihundert weitere folgten. Der 1914 eingeweihte Rathenower Bismarckturm nimmt in dieser Reihe eine herausragende Stellung ein, indem er sich mit seiner außergewöhnlichen, an die märkische Backsteingotik erinnernden Bauweise von allen anderen Türmen abhebt, die zum Gedenken an Bismarck erbaut wurden.

Man kann mancherlei Vermutungen anstellen, auf welche Ideen die Gestaltung dieses Bismarckturmes verweisen könnte, wie von Wanke ausführlich diskutiert worden ist. Wanke hat Merkmale beschrieben, die für die vielen erbauten Bismarcktürme typisch sind. Er stellt dann fest, dass der Rathenower Turm in einigen Eigenschaften mit dieser Typologie übereinstimmt, im Wesentlichen jedoch die konsequent neogotische Gestaltung das Gedenken an Bismarck auf eine Symbolik führt, die sich deutlich von dem abhebt, was von allen anderen Bismarcktürmen vermittelt werden sollte.

Ein Triumphbogen für Bismarck? Bismarck gar als anbetungswürdige Gestalt im Mittelpunkt einer Kathedrale? Bisher ließ sich nicht entscheiden, welche Ideen die Rathenower Erbauer verfolgt haben, denn gegenwärtig sind keinerlei originale Unterlagen bekannt oder zugänglich, mit denen die Entstehungsgeschichte dieses Bismarckturmes belegt werden könnte. Es verbleibt der Rückgriff auf Zeitungsberichte und -notizen, mit denen seinerzeit die Planungen und Diskussionen in Rathenow von der lokalen Presse verfolgt und kommentiert wurden. Bezug nehmend auf die noch einsehbaren Jahrgänge der damaligen Rathenower Tageszeitungen soll deshalb der Versuch unternommen werden, die ideologische Entstehungsgeschichte des Bismarckturmes in Rathenow zu rekonstruieren.

Bismarck und die Stadt Rathenow

Die Stadt Rathenow steht in einer besonderen Beziehung zu Otto v. Bismarck, die Bürger der Stadt haben deshalb einen besonderen Bismarckturm zu einem der Wahrzeichen ihrer Stadt gemacht. Wie ist es dazu gekommen, was sollte zum Ausdruck gebracht werden?

Die revolutionären Unruhen des Jahres 1848 überzeugten Bismarck, dass er sich zukünftig für den Bestand der preußischen Monarchie einsetzen müsse. Um politisch aktiv werden zu können, musste er sich in die zweite Kammer des Vereinigten Landtages wählen lassen.

Nachdem er als Nachrücker zum ersten Mal in der Zweiten Kammer auf sich aufmerksam machen konnte, verhalfen ihm 1849 vor allem die Stimmen der Rathenower Wahlmänner im Wahlkreis Westhavelland-Zauche-Brandenburg zu seinem ersten direkten Mandat. Auch seine Wiederwahl nach der raschen Auflösung der Zweiten Kammer hatte er ihnen zu danken, sie ermöglichten ihm damit den Einstieg in seine spätere grandiose Tätigkeit in der preußischen Regierung und schließlich des Deutschen Kaiserreiches. Bismarck wurde noch zwei weitere Male zum Abgeordneten gewählt, bis er im Hinblick auf die ihm vom König übertragenen besonderen Aufgaben auf die weitere Wiederwahl verzichtete.

1875 ernannte die Stadt Rathenow Bismarck zu ihrem Ehrenbürger. Von der Überreichung des Ehrenbürgerbriefes in Berlin wird berichtet, dass Bismarck diesen Akt sichtlich erfreut aufgenommen und neben anderem bemerkt habe, „ … er könne nicht leugnen, dass er … doch immer eine partikularistische Neigung für die treue Mark habe, dass die Mark Brandenburg stets treu und fest zu ihrem Regenten gestanden …, man es seiner Zeit in der Mark übel aufgenommen habe, dass bei Bildung eines Königreiches nicht der Name Brandenburg vor dem von einem polnischen Herzogtum hergenommenen Namen Preußen den Vorzug erhalten habe.“

Im Rückblick ist in dieser Äußerung Bismarcks der Kern der Idee zu erkennen, die schließlich zu der ausgeprägt märkischen Gestaltung des Rathenower Bismarckturmes führte.

Das Bismarck-Denkmal-Komitee von Rathenow

Der Tod Bismarcks im Jahr 1898 veranlassten den Arzt Dr. Heise und den Verleger Max Babenzien zur Gründung eines Bismarck-Denkmals-Komitees mit dem Ziel, die Errichtung eines Denkmals in Rathenow vorzuschlagen und zu planen.

Mit bedeutenden Mitteln konnte zunächst nicht gerechnet werden, weshalb an einen würdigen Gedenkstein aus märkischen Findlingen gedacht wurde. In den folgenden Jahren mangelte es auch an der unumgänglichen Förderung des Vorhabens. Dr. Heise und Max Babenzien blieben ihrem Vorhaben treu, sie mussten sich aber in Geduld üben, bis sich eine für ihr Vorhaben günstige Konstellation finden würde. Ihre Ausdauer sollte belohnt werden.

Der seit 1907 amtierende Erste Bürgermeister Lindner unterstützte die Denkmalspläne in vielfältiger Weise. Als im Jahr 1909 ein Havelländischer Heimatverein in Rathenow gegründet wurde, bezeichnete er in seiner Eröffnungsansprache den darauf folgenden Vortrag des Lehrers und Stadtarchivars Specht über „Bismarcks Beziehungen zu Rathenow“ als eine „historische Einleitung der Tätigkeit des neuen Vereins“ und legte der Gründungsversammlung eine Kopie des Ehrenbürgerbriefes für Bismarck vor. In den folgenden Monaten zeigte sich bald, dass Lindner eine darüber hinaus gehende Sicht verfolgte, mit der er die Verwurzelung Rathenows in der Geschichte der Mark Brandenburg seinen Bürgern zur Anschauung bringen wollte.

Es liegt nahe, dass er sich hierzu durch die Ernennung des Regierungs-Assessors von Bredow zum zunächst kommissarischen Landrat im Frühjahr 1909 ermutigt fühlte; der bald darauf zum neuen Leiter des Kreises Westhavelland bestellt wurde. Der Vorgänger v. Bredow's hatte an den Denkmalsplänen kein Interesse erkennen lassen; dagegen zeigte sich v. Bredow für dieses Vorhaben aufgeschlossen; er übernahm den Vorsitz in dem Bismarckdenkmals-Komitee.

Bald darauf im Mai 1909 wurde die Stadtbauratsstelle Rathenows vakant. Stadtbaurat Brugsch's Bewerbung auf eine in Spandau eingerichtete zweite Stadtbauratsstelle war erfolgreich. Er galt als tüchtig, war aber gerade erst reichlich ein Jahr in Rathenow tätig und hatte offensichtlich eine weitergehende Karriere im Sinn. In der Stadtverordnetenversammlung befürchtete man, dass es bei den begrenzten finanziellen Mitteln der Stadt schwer sein werde, tüchtige Beamte dauernd zu halten.

Unter den Bewerbern für das Amt befand sich aber ein Stadtbaurat Sprotte in Kolberg, der so überzeugend erschien, dass sich auf dessen Bewerbung sofort 29 von 30 abgegebenen Stimmen der Stadtverordneten vereinigten. Sprotte hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht enttäuscht; er war von 1909 bis zu seinem Tod im Jahr 1931 ununterbrochen als Stadtbaurat für Rathenow tätig. Sprotte schloss sich nach dem Eintritt in sein neues Amt in Rathenow unverzüglich dem Denkmalskomitee an und setzte als ideenreicher Fachmann die Diskussionsergebnisse in praktikable Entwürfe um.

Ein Bismarckturm als Zentrum eines neuen Stadtviertels

Vorerst fehlte es immer noch an den notwendigen Geldern. Anlässlich des „Bismarck-Kommerses“ am 1. April 1910 zum Gedenken an Bismarcks Geburtstag deutete sich nun die Gestalt eines „deus ex machina“ an, der dem Projekt Bismarckturm kräftigen Antrieb verlieh. „… aus kompetenter Quelle“ wird berichtet, dass ein „vermögender alter Rathenower“, der vorläufig noch nicht genannt sein wolle, angeboten hätte, den an den Kosten noch fehlenden Rest für die Errichtung eines Denkmals oder Turmes zu übernehmen.

In dem gleichen Bericht wird auch angedeutet „dass sich der höchste Punkt Rathenows, der Weinberg, am besten für ein Bismarck-Denkmal eignet, und es wird deshalb auch wahrscheinlich der Wunsch vieler Rathenower, dort einen Bismarck-Turm erstehen zu sehen, in Erfüllung gehen.“

Wenige Tage später wurde in der Rathenower Zeitung offenbart, dass es sich bei dem auswärtigen Gönner um Kommerzienrat Görz aus Berlin handelte, der sich mit dem Denkmals-Komitee dahin gehend verständigt hätte, dass er die Kosten für ein Standbild übernehmen wollte, während die Einwohner Rathenows oder des Kreises Westhavelland für die Kosten des Unterbaus oder eines Turmes aufkommen müssten. Aus dieser Vereinbarung wurde geschlussfolgert, dass wegen der hohen Kosten die Errichtung eines Aussichtsturmes nicht möglich sei und – da Görz angeblich eine baldige Einweihung des Denkmals erwarte – nur die Aufstellung des Denkmals auf „einem Platz in unserer Stadt“ in Frage käme.

Hieraus entwickelte sich in Rathenow eine kontroverse Diskussion. Das Anerbieten von Görz hatte das Denkmals-Komitee offensichtlich herausgefordert. Ein Bismarck-Denkmal in der Stadt und gleichzeitig ein Bismarckturm auf dem Weinberg waren schlechterdings nicht vorstellbar. Dr. Heise – Max Babenzien war inzwischen verstorben, Lindner mit seinem neuen Stadtbaurat Sprotte und mit Unterstützung durch v. Bredow hielten unbeirrt an ihren Plänen fest.

Lindner hatte dem Stadtbaurat umgehend die Planung eines neuen Gartenviertels auf dem Weinberg übertragen. Wie sich bald herausstellte, sollte sich dieses Viertel um die mit einem Bismarckturm bekrönte Kuppe des Weinbergs herum gruppieren, der Turm sollte gleichzeitig auch als Aussichtsturm zu besteigen sein.

Der hierauf von Sprotte vorgelegte Bebauungsplan für den Weinberg wurde im September 1911 von einer Regierungskommission aus Potsdam einstimmig gebilligt.

clip_image001Bild 1: Bebauungsplan für den Weinberg mit dem Bismarckturm im Zentrum
(Ausschnitt), endgültig bestätigte Fassung von 1915
(Landkreis Havelland, Kreis- und Verwaltungsarchiv)

Am 31. Dezember 1911 wurde dieser Bebauungsplan für den Weinberg mit Bismarckturm und Gartenviertel ebenso einstimmig von der Stadtverordnetenversammlung Rathenows angenommen. Seitdem gab es keinen Zweifel mehr, dass es einen Bismarckturm auf dem Weinberg geben würde, wenn auch noch manche Hindernisse und Verzögerungen zu überwinden waren. Die Kosten für einen besteigbaren Bismarckturm überstiegen vorläufig noch deutlich die verfügbaren Mittel.

Märkischer Backsteinbau: Verweis auf die Mark Brandenburg

Schon vorher, am 12. April 1911, erschien in der Rathenower Zeitung ein „Aufruf an alle Einwohner und Freunde des Westhavellandes“, in dem veröffentlicht wurde, dass die Errichtung eines Turmes als Ehrendenkmal für Otto von Bismarck auf dem Weinberg geplant sei. Weiter wurde erklärt, dass ein Entwurf vorhanden sei, der „in pietätvoller Weise an die kunstvollen Bauformen des märkischen Backsteinbaues, insbesondere an Tangermünder Motive anknüpft“. Sprotte hatte gearbeitet. Mit diesem Aufruf warb der „Bismarck-Denkmal-Ausschuss“ um die Einendung von Spenden.

clip_image003Bild 2: Spendenaufruf in der Rathenower Zeitung
Nr. 87 (2. Blatt) vom 12.04.1911

Mit der Anknüpfung „an die kunstvollen Bauformen des märkischen Backsteinbaues, insbesondere an Tangermünder Motive“ wird ein besondere Sichtweise für die Gestaltung des Bismarckturmes offenbart, die bereits einige Tage zuvor auf dem Bismarck-Kommers des Jahres 1911 anklang. Zu Gast war der Reichstagsabgeordnete Prof. Dr. Görcke, der über den von ihm vertretenen Kreis Westhavelland sagte „... dies ist der Kern, aus dem einst die Mark Brandenburg, Preußen und zuletzt Deutschland entstanden ist“. Mit „Deutschland“ war das 1871 durch Bismarcks Wirken gegründete Deutsche Reich gemeint, in dem Preußen eine dominierende Rolle zugefallen war, dessen Wurzeln seinerseits auf die viel ältere Mark Brandenburg zurückgingen. Görcke hat sich vermutlich auf einen Ausspruch Bismarcks bezogen, der 1894 in Stendal selbst gesagt hatte: „Von diesem flachen Land hier, von der altmärkischen Heimat, die ja auch die meinige ist, ist die Kraft und der Anstoß zur Bildung des kurbrandenburgischen Staates und Preußens und schließlich zur Wiedergeburt des Deutschen Reiches ausgegangen“.

Man muss daran erinnern, dass Rathenow zu dieser Zeit die Kreishauptstadt war, so dass man die Stadt Rathenow als eine Repräsentantin dieses Kernes verstehen durfte. Und eben auch gerade in dieser Landschaft, in unmittelbarer Nähe Rathenows, hat das Geschlecht der Bismarcks in der Altmark seine Wurzeln. Seit 1562 residierten sie sogar infolge einer Willkür des Kurprinzen östlich der Elbe in Schönhausen, fast in Sichtweite von Rathenow.

Bismarck ist ein Märker! Wir Rathenower sind Märker! Wir sind Kinder der vielhundertjährigen Geschichte der Mark Brandenburg – und Otto von Bismarck ist einer von uns! Wir sind die Mark Brandenburg – das sollte die Botschaft des Bismarckturms werden.

Bismarck als Idol: Kritik an Kaiser Wilhelm II.

In den folgenden Monaten verzeichnet die Rathenower Zeitung penibel den Eingang von Geldspenden, auch die Namen der Spender kleinster Beträge werden namentlich aufgeführt

Bei allen möglichen Gelegenheiten wurde nun der Geist Bismarcks beschworen, so z. B. wörtlich zu Bismarcks Todestag in einem Leitartikel der Rathenower Zeitung am 29. Juli 1911: „Bismarcks Geist wünscht das ganze deutsche Volk herbei in dem internationalen Wirrwarr der Gegenwart ...Und je drohender die Wolken am politischen Horizont hangen, umso mehr soll Bismarcks Geist die deutschen Staatsmänner, Politiker und jeden deutschen Bürger leiten ...“.

In solcher Weise äußerte sich die kritische Haltung der Bürger einer Stadt, die ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung verwalteten. Die oftmals schwer verständlichen politischen Aktionen Kaiser Wilhelms II. waren vielen Deutschen nicht recht geheuer, das ist auch aus der Rathenower Zeitung jener Tage trotz aller pflichtgemäßen Treuebekundungen gegenüber dem Kaiser immer wieder zu erkennen. Der Rücktritt des Kanzlers von Bülow im Juli 1909 überhöhte die Sehnsucht nach einer vertrauenswürdigen Leitung des Staates, man konnte sich nur einen Übermenschen von der Statur Bismarcks als dieser Aufgabe gewachsen vorstellen – das war weithin die Meinung. Vergessen war, dass Bismarck in seiner Regierungszeit selbst mitunter erhebliche Probleme mit der öffentlichen Meinung gehabt hatte. Ernsthafte Konfrontationen mit anderen Staaten, die zu weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen hätten führen können, hatte Bismarck als Reichskanzler jedenfalls souverän vermieden.

Diese Stimmungslage gab auch in Rathenow immer wieder Anlass, auf Bismarck und damit das Projekt des Bismarckturmes zu sprechen zu kommen. Schon im Festvortrag zum Bismarck-Kommers am 1. April 1910 sagte Amtsgerichtsrat Dr. Paterna in seinem Festvortrag „Bismarcks unfreiwilliger Rücktritt im Jahre 1890 sei für Deutschland ein schwerer Schlag gewesen ...“.

In einem Kommentar zum Wahlergebnis vom 12. Januar 1912 hieß es „… dass der Mangel weitsichtiger Besonnenheit, der die Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. auszeichnet, wenig volkserzieherische Wirkung gezeigt hat …“.

Anlässlich der Grundsteinlegung für den Bismarckturm zu Bismarcks Geburtstag am 1. April 1913 wurde schließlich gefragt „Was würde Bismarck, wenn er noch unter uns weilte, jetzt tun?“

Landrat von Bredow zitierte bei dieser Gelegenheit den von Bismarck selbst gewählten Grabspruch „Hier ruht ein treuer deutscher Diener seines Kaisers Wilhelm I.“ – eigentlich ein Affront gegen Wilhelm II., dem Bismarck schließlich auch gedient hatte. Von Bredow deutete diesen Spruch zwar dahin gehend „… dass auch wir treue Diener sein sollen unseres Kaisers, …“, doch in der in der Zeitung veröffentlichten Beschreibung des Denkmals heißt es: „Das Bronzestandbild wird … auf einem … Hünengrab aufgestellt werden, da der Gedanke an das Auferstehen des Hünen und des Deutschen Reiches nahe liegt“.

Die Postierung des Bismarck- Standbildes in der Kostümierung eines preußischen Militärs auf einigen rohen Felsbrocken als Symbolisierung eines „Hünengrabes“ erscheint heute als anachronistisch.

Bismarck musste zwar häufig in militärischer Uniform auftreten, weil etwas anderes für einen Junker in hoher Position am hohenzollerschen Hof kaum vorstellbar war. Tatsächlich realisierte er seine politischen Ideen aber durchweg mit juristischen Methoden – er war Jurist. Mit der mythifizierenden Germanentümelei, die im Lauf des 19. Jahrhunderts in Preußen in Mode kam, wurde seine Gestalt zu einem Idol stilisiert, das einen befreienden Weg durch die sich zusammenbrauenden politischen Wirren hätte weisen können. Letzten Endes war diese Vorstellung nichts anderes als eine Kritik an der kaiserlichen Staatsführung.

In Rathenow war man sich dessen wohl bewusst. Die Errichtung eines Bismarckdenkmals erschien erst vertretbar, nach dem vor dem Kreishaus ein Denkmal Kaiser Wilhelm I. enthüllt worden war.

Entwurf des Baustadtrats Sprotte für einen Bismarckturm

In der Gestaltung des Bauwerkes selbst kommt diese damalige Stimmung nicht zum Ausdruck, sondern sie verweist auf das Jahrhunderte lange geschichtliche Bestehen der Mark Brandenburg.

Am 30.04.1912 erschien ein Beitrag in der Rathenower Zeitung, in dem nun energisch festgestellt wurde, dass „fast alle bisherigen Spender“ zur Bedingung gemacht hätten, dass die Aufstellung eines Bismarckdenkmals mit dem Bau eines Aussichtsturmes auf dem Weinberg verbunden sein müsse. Noch gab es offenbar Meinungsverschiedenheiten. Weiter heißt es: „Dann hoffen wir, zu allseitiger Befriedigung der Bürgerschaft etwas schaffen zu können, was Rathenow zur Ehre, uns selber und Kind und Kindeskind noch zu wahrer Freude gereichen wird: hinauszublicken ins schöne, liebe Havelland mit ihm, dem großen und treuesten Sohn der Mark.“ („mit ihm“ im Original gesperrt gesetzt).

Nachdem die Stadtverordnetenversammlung den Bebauungsplan für den Weinberg angenommen hatte, sollte in einer Versammlung am 21. Mai 1912 der Bürgerschaft Gelegenheit zu Meinungsäußerungen gegeben werden. Obwohl die Versammlung bei weitem nicht so gut besucht war, wie man sich erhofft hatte, kann sie als Abschluss der Vorgeschichte des Bismarckturms gelten. In einer schließlich angenommenen Resolution wird formuliert „Die … öffentliche Bürgerversammlung … beschließt, dass das … gestiftete Denkmal … seinen Stand auf dem Weinberg erhält, und dass hiermit ein Aussichtsturm verbunden wird. Die Versammlung … erwartet, dass ein Entwurf des Herrn Stadtbaurats Sprotte … zur Ausführung gelangt.“ Dieses Votum ist bis zur Einweihung des Bismarckturms öffentlich nicht mehr infrage gestellt worden.

Historische Begründung für den Entwurf

Sprotte hat der Versammlung seinen Entwurf erläutert, der von dem Denkmalskomitee aus verschiedenen von ihm angefertigten Skizzen ausgewählt worden war. Er betonte dabei, dass er sich nicht zur Anfertigung von Skizzen gedrängt habe, sondern dass ihm diese vom Denkmals-Komitee angetragen worden sei. Da er mit einer begrenzten Bausumme zu rechnen hatte, habe er von einem regulären Turmbau absehen müssen „und sei deshalb zu einem Hallenbau gekommen. Dieser solle im Stil an die Zeit des Mittelalters erinnern, in der sich das Havelland mit der angrenzenden Altmark in der Blüte befand, und er soll im Backsteinbau ausgeführt werden.“

Die „Blüte des Havellandes und der Altmark“ wurde durch Albrecht den Bären (etwa 1100 bis 1170) begründet, dem es mit diplomatischem Geschick gelang, die Brandenburg und damit die Herrschaft über das Heveller-Fürstentum nach dem Tod des Hevellerfürsten Pribislaw rechtmäßig zu erben. Die Brandenburg wurde ihm zwar noch einmal entrissen, doch 1157 konnte er sie schließlich endgültig in Besitz nehmen; seitdem nannte er sich „Markgraf von Brandenburg“. Auf diesen Zeitpunkt kann die Entstehung eines neuen deutschen Fürstentums – der Mark Brandenburg – datiert werden.

Unter der askanischen Oberherrschaft wurde das Gebiet der Mark erweitert und es entstanden viele Städte, womit im zwölften und dreizehnten Jahrhundert eine rege Bautätigkeit in der Mark einsetzte. Diese Jahrhunderte waren die Zeit der Gotik und natürlich wollte man damals auch in der Mark modern und zeitgemäß bauen. Da es in der Mark kaum Fundstellen für geeignetes steinernes Baumaterial gab, entstand so für repräsentative Bauten die märkische mittelalterliche Backsteingotik.

1320 gab es keinen weiteren askanischen Erben. Die Mark Brandenburg wurde von Kaiser Ludwig IV. (der Bayer) als Lehen an seinen Sohn, also die Wittelsbacher vergeben.

1373 erwarb Kaiser Karl IV. die Mark Brandenburg von den Wittelsbachern. Er hatte zur Stärkung seiner Hausmacht schon seit längerem seine Aufmerksamkeit auf die an die Lausitz anschließende Mark gerichtet. Nach langen diplomatischen und auch kriegerischen Vorbereitungen erlangte er nun ihren Besitz und ließ seiner neuen Besitzung unverzüglich besondere Sorgfalt angedeihen. Um in der Mark präsent sein zu können, erhob er die Burg in Tangermünde zu seiner nördlichen Residenz.

Schon im 12. Jahrhundert hatte Albrecht der Bär Tangermünde als eine der Burgen in seinem Herrschaftsgebiet bezeichnet. Durch Karl IV. erhielten die Burg und damit auch die Stadt eine ganz herausragende Bedeutung. Von hier aus trieb Karl die Entwicklung der Mark voran.

Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war Tangermünde weiterhin eine Residenz der brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten, die von hier aus ihr Reich regierten. Erst durch die Verlegung der Residenz nach Berlin verlor Tangermünde an Bedeutung.

Die Altmark war bis 1807 Bestandteil der Mark Brandenburg. Tangermünde ist also eine ursprünglich märkische Stadt, die in den ersten Jahrhunderten für die Entstehung und Entwicklung der Mark Brandenburg eine besondere Bedeutung hatte, womit der Hinweis auf die Anknüpfung „insbesondere an Tangermünder Motive“ erhellt wird. Der Verweis auf Tangermünde ist ein Verweis auf den Ursprung und das Aufblühen der Mark Brandenburg.

Die Zeit der Herrschaft der Askanier und dann wieder das leider nur kurze Wirken Karls IV. – er starb 1378 – waren Zeiten des Aufschwungs für die Mark Brandenburg. Das ist die Zeit, in der sich „das Havelland mit der angrenzenden Altmark in der Blüte befand“. Allein zahlreiche Vergrößerungen von Kirchenbauten, so auch der Umbau der St.-Marien-und-Andreas-Kirche in Rathenow, zeugen von einer Epoche der Erneuerung, in der die heute noch charakteristische Form vieler norddeutscher Kirchen entstanden ist. Auf die auch in profanen Bauten erkennbare Formensprache der Backsteingotik sollte der zu errichtende Bismarckturm hinweisen.

Grundsteinlegung zum Geburtstag Bismarcks am 1. April 1913

Zur Grundsteinlegung am 1. April 1913 wurden erstmals Einzelheiten der Gestaltung des geplanten Bauwerkes bekannt. Sprotte hatte mit seinem Entwurf den Versuch unternommen, verschiedene Aspekte in einem Gesamtwerk zu vereinen: Der Turm sollte im Zentrum eines konzentrisch darum herum angelegten Straßensystems stehen und ebenso zentral sollte die vier Meter hohe Denkmalsstatue wie ein frei stehendes Denkmal aus allen Richtungen erkennbar sein. Das Turmgebäude sollte den alljährlichen Bismarck-Gedenkfeiern am 1. April genügen, zu denen es üblich geworden war, große Freudenfeuer zu entzünden und schließlich sollte der Turm als Aussichtsturm zu besteigen sein.

Je mehr man sich der Einweihung des Bismarckturmes näherte, umso mehr wurde Bismarck als ein Märker, als „größter Sohn der Mark“ herausgestellt, wie es in einem Zeitungsbericht vom 24. März 1914 zum Baufortschritt des Turmes heißt.

Zum 1. April 1914 wurde zur Feier des 99. Geburtstages „unseres engeren Landsmanns Otto von Bismarck“ eingeladen.

Pastor Kessler aus Haage schilderte in seiner Festrede zum Bismarck-Kommers, der alljährlich zum Gedenken des Geburtstages Bismarcks zelebriert wurde, den Aufstieg der Hohenzollern, beginnend „in unserer märkischen Tiefebene“, kam dabei auch auf Dietrich von Quitzow zu sprechen , den er allerdings nicht als Raubritter, sondern als Beispiel märkischen Trotzes darstellte, dem er „die märkische Kraft und die märkische Treue Bismarcks gegenüberstellte, das Beste, das Größte, was die Mark je hervorgebracht habe.“

Schließlich hieß es in der Vorankündigung zur Einweihung „… das Bismarck-Denkmal auf dem Weinberg, dass die Stadt Rathenow und der Kreis Westhavelland ihrem großen Landsmann zum dauernden Gedächtnis errichtet haben …“.

Unüberhörbar war der Stolz „... dies ist der Kern, aus dem einst die Mark Brandenburg, Preußen und zuletzt Deutschland entstanden ist“, wie es der Abgeordnete Görcke ausgedrückt hatte. Der Erste Bürgermeister Lindner bezeichnete den Turm in seiner Rede zur Einweihung als eine „Porta Marchia“, als eine Eingangspforte für alle Freunde der Mark, die von Westen her märkischen Boden betreten.

Mittelalterliche Backsteingotik mit „Tangermünder Motiven“

Tatsächlich präsentiert sich der Turm in einer unmittelbar an die mittelalterliche Backsteingotik erinnernden Gestaltung. Der Grundriss ist von einem gleichseitigen Achteck abgeleitet, das als Darstellung von Orten mit zentraler Bedeutung in Bauten des Mittelalters häufig anzutreffen ist. Sprotte hat drei Seiten zu einer Seite zusammengefasst, um das zur Altstadt gerichtete eindrucksvolle Hauptportal zu gewinnen. Um den Turm als Aussichtsturm nutzbar machen zu können setzte er an diese beiden Eckpunkte zwei Treppentürme, die in ihrer schlichten Ausführung auf ebenfalls je achteckigem Grundriss unmittelbar den Vorbildern an Kirchen aus dem 13. und 14. Jahrhundert entsprechen, wie z. B. in nahezu identischer Gestaltung an dem Münster in Bad Doberan. In den verbleibenden vier Eckpunkten des zentralen Achtecks sind Pfeiler angeordnet, die eine überdachende Kuppel tragen. Die Kuppel stützt sich über Segmentbögen auf den Pfeilern ab, womit weite lichte Öffnungen entstehen, durch die die unter der Kuppel aufgestellte Statue aus jeder Richtung zum zentralen Blickpunkt des Baus werden konnte.

clip_image005Bild 3: Einweihung des Bismarckturmes am 24. Juni 1914
(Archiv Nickel)

clip_image006Bild 4: Einer der Treppentürme am Münster in Bad Doberan
(Aufnahme Verfasser 2009)

Das Hauptportal ist auf die Altstadt mit der Kirche St.-Marien-und Andreas ausgerichtet und verweist damit auf den mittelalterlichen Ursprung der Stadt Rathenow. Die im Mittelpunkt der Halle postierte Bismarckstatue blickte ebenso auf die Altstadt, dem Ort, dem Bismarck seine erste Wahl zum Abgeordneten verdankte.

Ein Treppengiebel betont das Portal, der zusammen mit den flankierenden Treppentürmen einen Eindruck von in sich ruhendem Stolz vermittelt. Der Segmentbogen des Hauptportals wird von einem gotischen Spitzbogen überfangen, in dem in einem schräg gestellten Wappenschild das Wappen der Bismarcks gezeigt wird. Die Proportionen entsprechen originalen Darstellungen, wie sie sowohl am Rathaus wie auch an der älteren „Alten Kanzlei“ in Tangermünde zu sehen sind. Ronden und schräg stehende Wappenschilde sind typische Embleme der Backsteingotik.

Die Aussicht in das Havelland erlaubt eine mit einer Balustrade gesicherte Galerie in der Traufhöhe des Daches. Allerdings verwehrt der Giebel den Blick auf die Altstadt. Diese Sicht war ursprünglich nur aus den Fenstern des Turmzimmers möglich.

clip_image008Bild 5: Tangermünder Motive:
Rathaus von Tangermünde, im Vordergrund die Gerichtslaube
(Aufnahme Verfasser 2007)

Den Stufen des Giebels sind Spitzbögen zugeordnet, die aber durch mit Segmentbögen flankierte Kreisornamente aufgelockert sind. Dieses Backsteinmuster zieht sich um den ganzen Turm herum. Ähnliche Ornamente sind an vielen mittelalterlichen Bauten zu finden, so z. B. auch an den Giebeln der St.-Stephans-Kirche in Tangermünde. Die Kreisornamente des Bismarckturms gehen in ihrer besonderen Gestaltung vermutlich auf einen eigenen Entwurf Sprottes zurück.

clip_image010Bild 6: Tangermünder Motive: “Alte Kanzlei“ der ehemaligen Burg
(Aufnahme Verfasser 2012)

clip_image012Bild 7: Ornament auf den Seitenflächen des Bismarckturmes
(Aufnahme Verfasser 2007)

clip_image014Bild 8: Ornamente am Turm der
St. Stephanskirche in Tangermünde
(Aufnahme Verfasser 2007)

Die Kuppel der Halle zeigt innen ein Sterngewölbe in der Form des Johanniterkreuzes, dem in Richtung auf das Hauptportal wegen des auf dieser Seite reduzierten Achtecks ein Kreuzbalken fehlt; die typische Form des Johanniterkreuzes ist dessen ungeachtet deutlich zu erkennen.

clip_image016Bild 9: Sterngewölbe in der Kuppel des Bismarckturmes
(Aufnahme Verfasser 2009)

Albrecht der Bär hatte die Johanniter wie auch die Malteser in die Mark gerufen, was durch eine in Brandenburg aufbewahrte Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1160 belegt wird. Bismarck selbst schloss sich den Johannitern an, nachdem der Orden im Jahr 1852 wieder zugelassen worden war. 1868 wurde er zum Ehrenkommendator des Ordens ernannt. In der Rathenower Zeitung war 1909 zu lesen, dass auch ein Freiherr v. Bredow zum Ehrenritter der Johanniter ernannt wurde.

Die das Sterngewölbe stützenden Konsolsteine zeigen abwechselnd das Wappen der Bismarcks und das Wappen der Stadt Rathenow – insgesamt eine Symbolik, mit der auf den gemeinsamen Ursprung der Bismarcks und der Stadt Rathenow in der Geschichte der Mark Brandenburg verwiesen wird.

clip_image018Bild 10: Rippenkonsolstein am
Sterngewölbe im Bismarckturm
mit Wappen der Stadt Rathenow
(Aufnahme Verfasser 2009)

clip_image020Bild 11: Rippenkonsolstein am
Sterngewölbe im Bismarckturm mit Wappen der Bismarcks
(Aufnahme Verfasser 2009)

Zwei Zeitgenossen Albrechts des Bären, die in die Dienste der Hohenzollern getreten waren, flankierten die zur Säulenhalle hinauf führende Treppe – zwei Bären, die Wappenschilde mit dem Preußischen Adler hielten. Die aus Ton vom Havelstrand gebrannten Figuren sowie das Schild mit dem Bismarckschen Wappen im Giebel hatte der Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung, der Ziegeleibesitzer Heidepriem gestiftet. Er hatte auch 1909 zur Amtseinführung des Stadtbaurates Sprotte die Begrüßungsrede gehalten.

clip_image022Bild 12: Aufgang zum Denkmal mit Bärenfiguren auf
den Treppenpodesten (Postkarte, Archiv Nickel)

Altes kaiserliches Siegel:
Symbol für Reichsgründung
– das Lebenswerk des Altreichskanzlers

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles und seine Ausgestaltung als ein fest gefügtes Staatsgebilde war die überragende Leistung Bismarcks. Dieses neue Deutsche Reich war an die Stelle des 1806 aufgelösten „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ getreten.

Hierauf nimmt die Frontalansicht des Rathenower Bismarckturmes Bezug: Ein dominierender Giebel, der von zwei schlanken Seitentürmen flankiert wird. Eine ganze Reihe deutscher Kaiser verwandten dieses architektonische Motiv über Jahrhunderte hinweg auf der Rückseite ihrer Siegel[. Auch bei zahlreichen Urkunden von Kaiser Karl IV., der sich für die Entwicklung der Mark Brandenburg besonders hervortat, ist das Bild zu finden: Ein von zwei schlanken Türmen eingefasster dominierender Giebel über einem Torbogen. In diesem Torbogen stehen die Worte „AUREA ROMA“, „Goldenes Rom“.

clip_image024Bild 13: Kaisersiegel von Karl IV., Vorder- und Rückseite
(Bleigusskopie im Besitz der Städtischen Museen Tangermünde)

Mit dieser Symbolik zeigten die deutschen Kaiser, dass Ihnen die kaiserliche Würde vom Vertreter Gottes auf Erden, dem Papst in Rom, mit der Krönung in Rom verliehen worden war.

Der deutsche Kaiser erhielt 1871 seine Würde jedoch nicht aus Rom, sondern durch die Zustimmung der Könige und Fürsten Deutschlands. Als Initiator und Organisator dieses Zustimmungsaktes hat Sprotte die Gestalt des Märkers Bismarck an Stelle von „AUREA ROMA“ in den Torbogen des Bismarckturms gestellt, er war der Einiger und Begründer des neuen deutschen Kaiserreiches.

Sprotte hat das alte kaiserliche Motiv ganz und gar in Stilelemente der märkischen Backsteingotik gekleidet.

Das Gesamtbild dieses besonderen Bismarckturmes lässt sich in überzeugender Weise als eine Zusammenschau der geschichtlichen Bedeutung Otto v. Bismarcks und der Geschichte der Mark Brandenburg deuten, aus der auch das Geschlecht der Bismarcks hervor gegangen ist.

Der Bismarckturm:
Ein Wahrzeichen der Stadt Rathenow

Die Entstehung des Turmes selbst ist ein Gemeinschaftswerk, an dem alle Schichten der Bevölkerung der Stadt Rathenow und des Kreises Westhavelland mitgewirkt haben. Beginnend mit den Leistungen des Architekten und des Bauleiters, die Sprotte unentgeltlich beisteuerte, gingen seit dem ersten Aufruf vom 12. April 1911 bis zur Einweihung am 24. Juni 1914 zahllose kleinere und größere Einzelspenden ein und lang ist die Liste der Handwerker und Firmen, die mit Sachspenden und kostenlosen Leistungen beigetragen haben. Insgesamt wurden die Baukosten mit rd. 30.000 Mark angegeben. Goerz hat für das von ihm gestiftete Bismarck-Standbild noch einmal ungefähr den gleichen Betrag aufgebracht.

Für Rathenow war es einer der merkwürdigen Zufälle, die die Geschichte immer wieder bereit hält, dass der Bismarckturm gerade wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vollendet werden konnte; in den folgenden Jahren wäre das wohl kaum noch zu erwarten gewesen.

clip_image026Bild 14: Vignette der Rathenower Zeitung von 1928 mit den Wahrzeichen der Stadt

clip_image028Bild 15: Vignette der Zeitung „Der Havelländer“ von 1932 mit den Wahrzeichen
der Stadt

Als „Bismarckturm“ wurde das Bauwerk fortan zu einem Wahrzeichen der Stadt Rathenow.

Ende des zweiten Weltkrieges:
Der Bismarckturm bleibt als Ruine bestehen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das die bauliche Substanz der Stadt durch furchtbare Zerstörungen fast unkenntlich gemacht hatte, traf auch den Bismarckturm. Er war zum Ziel einer Artilleriebeschießung geworden, als der Krieg fast endlich schon am Ende war und musste mehrere Treffer hinnehmen, durch die er erheblich beschädigt wurde. Die Umstände hatten es aber mit sich gebracht, dass sich der Turm mit seiner durch die soliden Treppentürme geschützten Frontseite der Beschießung entgegengestellt hatte, so dass ihn auch mehrere Treffer nicht ins Wanken brachten. Er wurde zwar erheblich beschädigt, blieb aber doch in seiner charakteristischen Form erhalten, er stand noch, war noch als das Rathenower Wahrzeichen erkennbar.

Würde er weiterhin ein „dauerndes Gedächtnis“ für die deutsche Einheit sein können oder war es ihm nun bestimmt, auch ein Sinnbild für die Zerschlagung und Zerstörung des Deutschen Reiches sein zu müssen?

clip_image030Bild 16. Zustand des Bismarckturmes nach dem Ende des
Zweiten Weltkrieges (Sammlung W. Müller)

In der Nachkriegszeit war es zunächst kaum möglich, sich um die Wiederherstellung kulturhistorischer Bauten zu bemühen. Abgesehen davon, dass es jahrelang an den notwendigen Mitteln fehlte, unterlag der Gedanke an die Reparatur des Bismarckturms ideologischen Vorbehalten. Die Mark Brandenburg war der Sowjetischen Besatzungszone zugefallen, die gerade hier häufigen Erinnerungsorte an die hohenzollersch-preußische Geschichte wurden entweder getilgt, dem Verfall überlassen oder aber anderen Nutzungen zugeführt.

Für den Bismarckturm wurden zunächst Vorschläge gemacht, ihn für eine Sternwarte zu nutzen. Auch ein möglicher Abbruch wurde diskutiert, es stellte sich aber heraus, dass der Turm auf dem höchsten Punkt des Weinberges mit dem Druckhaltungsreservoir der städtischen Wasserversorgung baulich so eng verbunden ist, dass man um die Sicherheit des Hochbehälters fürchten musste. Auch dieser Umstand darf als hintersinniger geschichtlicher Zufall gesehen werden. Der Turm wurde also mit rohem Mauerwerk notdürftig stabilisiert und blieb über Jahrzehnte sich selbst überlassen. Für die Rathenower blieb es einfach der „Bismarckturm“.

Wiedervereinigung: Der Bismarckturm wird restauriert

Nach der Wiedervereinigung regten sich in Rathenow sofort Bestrebungen, den wie in einem Urwald stehenden Bismarckturm zu restaurieren. Hierfür hat sich vor allem Bürgermeister Hans-Jürgen Lünser große Verdienste erworben, der durch geschickte Planungsarbeiten dafür sorgte, dass sowohl der Turm der St-Marien-Andreas-Kirche wieder aufgerichtet als auch der Bismarckturm restauriert werden konnten.

Im Oktober 2002 konnte der für die Restaurierung verantwortliche Architekt Bleis erstmals wieder eine Gruppe von Stadtverordneten über die 90 Stufen eines der beiden Treppentürme auf den Turm führen.

clip_image032Bild 17: Blick vom Bismarckturm mit dem erhöhten Dach des rechten Treppenturms
nach der Restaurierung im Jahr 2002 (Aufnahme Verfasser 2006)

Abgesehen davon, dass die 1942 für Kriegszwecke eingeschmolzene Bismarckstatue nicht ersetzt werden konnte, zeigte die Wiederherstellung des Turmes aber eine Veränderung: Die Dächer der Treppentürme waren mit Stahlkonstruktionen höher gestellt worden, um eine gute Aussichtsmöglichkeit auch auf die Altstadt zu ermöglichen.

clip_image034Bild 18: Der Bismarckturm in Rathenow nach dem Umbau im Jahr 2011
(Aufnahme Verfasser 2012)

Der Rathenower Volksmund charakterisierte die gewissermaßen über den Treppentürmen schwebenden Dächer umgehend mit dem Spitznamen „Chinesenhütchen“, die auffällige Veränderung fand aber nicht den Segen der zuständigen Denkmalsbehörde. Die Stadt Rathenow konnte sich diesem Verdikt nicht entziehen, man sah sich gezwungen, die Dachkonstruktion der Treppentürme noch einmal umzubauen. Allerdings wurde wiederum nicht die ursprüngliche Gestaltung der Treppentürme rekonstruiert, sondern die Dächer wurden um einige Lagen Mauerwerk höher gesetzt, womit auf der Portalseite je drei Doppelfenster eingefügt werden konnten. Damit soll dem allgemeinen Wunsch nach einer Aussicht in alle Himmelrichtungen Genüge getan werden. Man kann zugestehen, dass diese dezente Veränderung den ursprünglichen Gesamteindruck des Bismarckturmes kaum beeinflusst. Die Aussichtsmöglichkeit aus diesen sehr klein gehaltenen Fenstern ist allerdings deutlich beschränkt, sie befinden sich auch in einer unbequemen geringen Höhe über dem Niveau, auf dem ein Besucher steht, so dass der mit der baulichen Veränderung erzielte Gewinn recht gering ist.

Der Bismarckturm in Rathenow
– Gedenken an Otto von Bismarck, den Einiger Deutschlands
– Symbol der Kraft der Mark Brandenburg

Die Begeisterung für Bismarck, aus der heraus auch der Rathenower Bismarckturm entstand, galt gewiss zu allererst der von ihm geschaffenen politischen Einheit Deutschlands, die die Ansammlung mehr oder weniger kleiner Staatsgebilde auf deutschem Boden Deutschland zu einem beachtlichen Glied der Völkergemeinschaft Europas gemacht hatte. Der nüchternen Feststellung, dass diese Einigung auch die furchtbaren Katastrophen des 20. Jahrhunderts einschließlich der lang andauernden Teilung in der Folge des zweiten Weltkrieges überdauert hat, kann nicht widersprochen werden.

Die Jahre, in denen der Bismarckturm geplant und gebaut wurde, fielen in die Zeit der Vorgeschichte zum Ersten Weltkrieg. In diesen Jahren gab man sich oft einer kritiklosen Überheblichkeit hin, die bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht wurde. Hierfür musste auch der berühmt gewordene Ausspruch Bismarcks herhalten „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“ der zur Grundsteinlegung gleich zweimal und zur Einweihung noch einmal in dieser fast selbstverständlich gewordenen fatalen Verkürzung zitiert wurde. Tatsächlich hatte Bismarck weise angefügt: „… und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt“. Bismarcks Wirken insgesamt bleibt ambivalent, dessen ungeachtet aber doch der Erinnerung wert.

In einer darüber hinausgehenden Sicht sollte der Bismarckturm in Rathenow das Bewusstsein verkörpern, in der Geschichte der Mark Brandenburg zu leben. Das macht die Gestaltung des Bauwerkes auch ohne die Bismarckstatue deutlich nachvollziehbar. Dieser besondere Bismarckturm darf deshalb ohne Einschränkung ebenso als „Brandenburgturm“ angesehen werden.

Die solide Arbeit der Rathenower Bauherren und Handwerker hat dazu beigetragen, dass der Turm trotz erheblicher Kriegsschäden die Jahre der Teilung überstanden hat, wiederhergestellt und am 20. März 2003 zum zweiten Mal eingeweiht werden konnte – die Symbolik des Turmes ist damit umso deutlicher geworden. Er erinnert an das Auf und Ab der Geschichte, in der es einst eine Blüte der Mark Brandenburg gegeben hat, seine Standhaftigkeit bestärkt uns in dem Vertrauen, dass die Zukunft auch wiederum Blütezeiten für die Mark Brandenburg bescheren wird.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es die noch archivarisch verfügbaren Hinweise und Berichte in der lokalen Presse Rathenows aus den Jahren 1909 bis 1914 erlauben, die ideologische Entstehungsgeschichte des Bismarckturmes in Rathenow nachzuvollziehen. Sprotte, dessen Entwurf die Bürgerschaft Rathenows aus einer Reihe von ihm vorgelegter unterschiedlicher Vorschläge ausgewählt hatte, schilderte anlässlich der Einweihungsfeier, „wie er zu dem ausgeführten Plan für das Denkmal gekommen sei, überließ das Urteil darüber, ob sein Gedanke ein glücklicher gewesen sei oder ob seine vielen Kritiker Recht gehabt hätten, der Nachwelt …“. Von diesen Diskussionen sind bisher keine detaillierteren Aufzeichnungen bekannt geworden. Zumindest sind aber die Erklärungen in der Presse wiedergegeben worden, die Sprotte selbst in der erwähnten Bürgerversammlung am 21. Mai 1912 abgegeben hat.

Offenbar liegt dem Bismarckturm in Rathenow keine sakrale Idee zugrunde, er ist in seiner Gestaltung auch nicht als eine Art Triumphbogen für Bismarck zu sehen, sondern Bismarck wird als Neubegründer des Deutschen Kaiserreiches von 1871 und als Märker, als die Personifizierung der Kraft der von Albrecht dem Bären gegründeten Mark Brandenburg verstanden und gewürdigt.

Bismarck hat zu seiner Herkunft aus der Mark gestanden. „Preußen“ war eine Erfindung der Hohenzollern, um an die Königskrone gelangen zu können. Man könnte meinen, dass mit dem Verlust der Krone auch die Begründung für „Preußen“ entfallen ist. Jedenfalls ist die Mark Brandenburg geblieben und hat als ein konstituierender Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland die Nachfolge des Kurfürstentums Brandenburg im früheren Deutschen Reich angetreten.

Haben die Erbauer des Bismarckturmes in Rathenow vor hundert Jahren diese historische Stärke der Mark Brandenburg im Blick gehabt?

Autor: Prof. Dipl.-Ing. Hans Müller, E-Mail hamue.berl@t-online.de     12.03.2015

 

Quellenangaben

„RZ“: Rathenower Zeitung

„KW“: Kreisblatt für das Westhavelland

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Geschichte

Handwerk im alten Rathenow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 23:24


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Bäckerei Thonke (2013)

Im Mittelalter bis herauf in das 18. Jahrhundert bildeten die Zünfte, später  Innungen und Gewerke, einen Eckpfeiler der Städte. So waren von 168 Häusern, die in Rathenow nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1660 schon wieder einen Besitzer hatten, über zwei Drittel in den Händen von Handwerkern. Infolgedessen ist es erklärlich, dass die Zünfte durch die vier Gewerke in Rathenow, die Tuchmacher, Schneider, Bäcker und Schuhmacher, und ihre sonstigen Vertreter aus der gemeinen Bürgerschaft zusammen mit dem Rat oder auch gegen ihn einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt auszuüben vermochten. Doch auch auf das bürgerliche Leben mussten die Innungen und Gewerke schon durch die Zahl ihrer Mitglieder einwirken. Denn da sie in einer geschlossenen Bruderschaft den strengen Bestimmungen der Innungssatzungen unterworfen waren, so war es ihnen nicht nur möglich, dass sie zu Ansehen und Macht kamen und der Stadt ein festes Rückgrat gaben, sondern sie wurden auch ein erzieherisches Vorbild für die Bürgerschaft. Die Artikel sämtlicher Rathenower Innungen stimmen mehr oder weniger, wenigstens in den Hauptgedanken: Pflege des Gemeingeistes und Aufrechterhaltung der Standesehre, überein. Die erste Bedingung, Meister zu werden, war die Erwerbung des Bürgerrechts und der Kauf eines eigenen Hauses. Dadurch wurde der junge Meister nicht nur sesshaft, sondern auch durch die ihm als Hausbesitzer auferlegten Pflichten eng mit der neuen Heimat verbunden. So mussten zum Beispiel die Rathenower Zimmer- und Maurermeister nebst ihren Gesellen mit Picken und Äxten beim Ausbruch eines Feuers erscheinen und es löschen helfen.  Eine andere Forderung, die von nachhaltiger Bedeutung war, betraf die Abstammung und Herkunft des Meisters. Er musste schon als Lehrling in seinem Geburtsbrief nachweisen, dass er von ehrlichen und frommen Eltern abstamme. Auch die Frauen der Meister und die Gesellen waren demselben Gesetz unterworfen, und „derjenige, so aus toller Liebe zufähret und eine rüchtige (berüchtigte) Person heiratet und dadurch dem Handwerk einen Schandfleck anhänget, soll im Handwerk nicht gelitten, sondern daraus verstoßen werden. Die Reinheit der Gesinnung erstreckte sich auch auf das Leben innerhalb des Gewerks. Hohe Geldstrafen, sogar Ausschluss trafen den, der einen Gildebruder mit ehrenrührigen Worten oder handhafter Tat angriff, wer ihn heimlich verleumdete, wer dem anderen Meister die Gesellen abspenstig machte, wer bei der Arbeit sich nicht des Fluchens enthielt, wer vor geöffneter Lade Zank erregte, wer mit der Faust auf den Tisch schlug, wer dem Altmeister ins Wort fiel, wer sich beim Umtrunk übel aufführte. Die innere Sauberkeit sollte sich auch in der Arbeit kundtun. Pfuscher wurden nicht im Handwerk geduldet. Wer schlechte Ware lieferte, wer den Käufer durch falsches Gewicht, durch minderwertige Zeuge, Felle, Leder betrog, wer Bauarbeiten nicht vorschriftsmäßig herstellte, nasses Holz verarbeitete und anderes mehr, verfiel in hohe Strafen. Die Arbeit musste in jeder Beziehung ohne Tadel sein. Das ist der höchste Ruhm des deutschen Handwerks gewesen, dessen heller Glanz die Jahrhunderte vom Mittelalter über die Renaissance und das Barock, bis zum Rokoko Friedrichs des Großen und zum Biedermeier erleuchtete. Die Strafen und die Einstands – und Quartalsgelder der Lehrlinge, Gesellen und Meister waren nicht gering. Sie wurden aber immer zum Besten des Handwerks, zur Unterstützung ins Unglück geratener Gildebrüder und zur Pflege der Kranken und Armen des Gewerks oder der Hospitäler verwandt. Der Gemeinsinn fand in ihrer Anwendung den besten Ausdruck. Auch bei Begräbnissen zeigte sich das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Handwerkerstolz der Innung. „Wenn ein Meister oder Meisterin in Gott versterbt, so soll die Gilde verbodet (aufgefordert) werden, bei Straf einer Tonne Bier, dem Leiche zu Grabe nachzufolgen, und den Knechten (Gesellen) soll eine halbe Tonne Bier gegeben werden, dass sie das Leich tragen und beläuten. Sterbt ein Knecht, Magd oder Kind, soll man den Knechten 2 märkische Groschen geben, dass sie es zu Grabe bringen und die Gilde verbodet werden und dem Leiche zu Grabe nachfolgen bei Straf drei Schillinge.“ So verlangten es die Grobschmiede in Rathenow Ende des 16. Jahrhunderts und die Maurer ermahnten 1715 darüber hinaus: „Wann das ganze Gewerk samt ihren Weibern zum Begräbnis verboten (eingeladen), sollen sie an der Türe oder anderswo mit Worten einander nicht schimpflich begegnen, damit das Lachen und öffentliches Ausrufen auf den Gassen nachbleibe, sondern ein jeder soll sein züchtig und seinem Bruder oder Schwester das Geleite geben. Würde aber einer, er sei Meister, Gesell oder Weib, keiner ausgeschlossen, solche unchristliche Tat und Leichtfertigkeit mit Lachen oder anderen Phantasey, wie gedacht, nicht unterlassen, der soll jedes Mal dem Handwerk 3 Groschen Strafe erlegen.“ Und nun folgt die Ordnung, welche die Meister, Gesellen und Lehrlinge sowie die Weiber innehalten sollen, „zu Paaren und nicht durcheinander.“ Die Meister durften bei solchen feierlichen Gelegenheiten Degen tragen, „solange sie sich dessen nicht missbrauchten,“ den Gesellen aber war es durch Edikt vom 6. 8. 1704 verboten worden. Wenn zwei Drittel der Bürger Rathenows den Vorschriften der Innungssatzungen unterworfen waren, so lässt sich wohl mit Fug behaupten, dass durch sie die gesamte Bürgerschaft zum Guten beeinflusst wurde. Man fühlt in diesen Privilegien aus der Rathenower Innungsgeschichte, die für Jahrhunderte die Richtschnur für eine gesunde Entwicklung des Handwerks waren, das Weben des alten Zunftgeistes, der das Handwerk unserer Vorväter so groß gemacht hat. Durch Tatkraft und Einigkeit, Ehrsamkeit und Ehrlichkeit, tüchtige Arbeit, Pflege der Hilfsbereitschaft gegen Kranke und Arme, Sauberkeit im Handwerk und Leben hatten die Meister ein hohes Ansehen. „Ehrt Eure alten Meister, so wahrt Ihr gute Geister!“

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Geschichte

Der Kurfürstliche Eisenhammer

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 23:15


clip_image002Eisenhammer in Rathenow

Bei der Eroberung von Rathenow durch den Großen Kurfürsten am 15. Juni 1675 spielte auch der Kurfürstliche Eisenhammer eine wichtige Rolle. Über ihn schritten die brandenburgischen Truppen zum Sturm auf die Wasserpforte , wobei 100 Schweden niedergemacht wurden. Von hier aus bezwangen die Brandenburger von innen das Steintor und öffneten es ihren vor dem Tor harrenden Kameraden. Dieser Eisenhammer war etwa 10 Jahre vorher vom Großen Kurfürsten erbaut worden und zwar auf der nördlichen der beiden Inseln, die vor der Wasserpforte bis zu der Stelle sich erstreckten, an der sich jetzt das Oberhaupt der Schleuse neben dem Paradeplatz befindet. Bis zu dieser Zeit hatte dort die Schönfärberei des Tuchmachergewerkes und der Gewandschneidergilde gestanden, die infolgedessen an anderer Stelle aufgebaut werden musste. Die Anlage des Eisenhammers erfolgte in der „Zuversicht, es würden Unsere getreue Untertanen kraft Unsers allbereit am 29. Majii Anno 1666 desfalls publizierten und am 10. August Anno 1674 und am 7. Januarii Anno 1676 wiederholten Edikts zu ihren Notwendigkeiten sich dessen Eisens der Gebühr erholet…..haben.“ Es ist aber offensichtlich, dass nicht nur die „Notwendigkeiten“ seiner Untertanen, sondern auch militärische Erwägungen den Kurfürsten zur Anlage des Eisenhammers bewogen, da seine vielen Kriegszüge eine starken Verschleiß an Eisen mit sich brachten. So können wir in dem Rathenower Eisenhammer, wie in den gleichen Anlagen zu Peitz, Krossen, Hegermühle, Zehdenick und anderen, vor allem Rüstungsbetriebe erblicken, die selbstverständlich auch den wirtschaftlichen Zwecken der Bevölkerung dienten. Das hier verhüttete Erz war der Raseneisenstein , eine schwarze, an der Luft rötlich werdende, schwere, im Anbruch glänzende und tropfenartig zusammengeschlossene Masse, die sich bei Rathenow am Haveldamm und auf Grünauer Gebiet, bei Neustadt a.D., zwischen Havelberg und Wilsnack, sowie in der Neumark am Finow, in der Zauche in den Wiesen fand und schon seit Jahrhunderten in der Mark verarbeitet worden war. Mit der Bereitung der für die Verhüttung erforderlichen Holzkohlen waren besondere Kohlenbrenner in der Königsheide beschäftigt. Die Hämmer des Werkes wurden durch die Wasserkraft des Stadtgrabens, des heutigen Schleusenkanals, in drei Gerinnen getrieben. Der Erfolg des Unternehmens war mäßig. Der Pächter Georg Gabriel Wichmans hausen schreibt 1689: „ Weil dieser Hammer dieses Jahr renoviert und auf andere Art eingerichtet, so ist davon kein Überschuss erfolget.“ 1691 wurde Etienne de Cordier Inspektor der Hammer- und Hüttenwerke, der sich sehr um den rathenowschen Hammer bemühte. Er ließ, da die Wohnungen der Handwerker gänzlich ruiniert waren, für mehr als 400 Reichstaler (600,00 €) ein Haus bauen, um den Faktor und eine Teil der Handwerker unterzubringen, ferner auf ein anderes einen Stock aufsetzen und eine Anzahl weiterer Ausbesserungen vornehmen. „Ich habe mich,“ schrieb er 1702 an den König, „alles dessen befleißigt, was der Wiederherstellung der Hammerwerke dient und ihre Einkünfte vermehrt, und meine Sorgen sind nicht nutzlos gewesen, weil ich den Werken von Peitz 2600 Reichstaler (3900,00 €) jährlich anstelle von 2000 (3000,00 €), denjenigen von Crossen 1000 Reichstaler (1500,00 €) jährlich statt 750 (1125,00 €), denjenigen von Rathenow 350 (525,00 €) statt 140 Reichstaler (210,00 €) habe übergeben lassen.“ Cordier scheint viel Verdruss gehabt zu haben. 1695 überredete man zum Wiederaufbau der Stadt Sandau den König, den ganzen Wald, aus dem man die Kohlen nahm, herzugeben, so dass nichts für Kohlebereitung übrigblieb. Das Holz aber diente nur zum Teil dazu, Sandau aufzubauen, vielmehr wurden die schönsten Stämme diese Waldes von einem gewissen Individuum nach Hamburg verkauft und daraus viel Geld gemacht, woraus dieser Gewinn zog. Um nun diesen Hammer mit Unglück und Verderben zu überhäufen, erhielt der Faktor dauernd Befehle, die Schützen des Hammers zu heben, damit die Wiesen der Einwohner keinen Schaden litten. Dadurch schlug der Hammer so langsam, dass der größte Teil des Eisens ausgebrannt wurde. Schließlich musste Cordier gegen allerlei üble Nachrede 1702 die Gnade des Königs anrufen. Nach ihm stand der Eisenhammer unter der Leitung des Geheimen Kammerrates Christian Friedrich Lüben , des Hofrates und ersten Leibmedikus Dr. Krug und des Rates, auch Archivarius Dr. Chuno, „welche aber, weil das Werk sehr zurückgekommen war, damit nicht zurechte kommen können.“ Viel Schuld an der Unrentabilität des Hammers trug die Einfuhr fremden Eisens, das häufig gegen Tuch und andere Waren umgetauscht wurde. Der Große Kurfürst wandte sich energisch dagegen, und sein Nachfolger verbot auch die Ausfuhr alten Kupfers, Messings, Glocken- und Grapengutes (eiserne Töpfe), Bruch- und alten Eisens. Die Schmiede mussten sich eidlich verpflichten, nur mit dem Kurzepter oder Adler gestempelte Eisen zu verarbeiten, und den Kauf- und Handelsleuten war verboten, bei Verlust der Ware, Pferde, Wagen oder Schiffe fremdes Eisen einzuführen. Aber ein großer Erfolg blieb aus. So schlug denn 1720 dem Kurfürstlichen Eisenhammer seine Stunde. Er ging ein und die Arbeiter und Kohlenbrenner wandten sich nach Hohenofen. Als 1769 die Wiederherstellung des Hüttenwerkes angeregt wurde, lehnte Friedrich der Große sie ab, da „dieser holzfressende Hammer mit der Zeit den gänzlichen Ruin Grünauischen Forst nach sich ziehen würde.“ So bleibt der Kurfürstliche Eisenhammer für uns nur eine Erinnerung an den Versuch des Großen Kurfürsten, seinem Volke und dem Staate wirtschaftlich und militärisch zu helfen, den aber sein Enkel Friedrich Wilhelm I. als zu kostspielig aufgab, da die Verwüstung der Königsheide für ihn in keinem Verhältnis zu den geringen Einnahmen des Eisenhammers stand.

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Geschichte

Pfarrherr Heinrich Buckow im Rathenower Gefängnis

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:59


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Rittergut Milow (2013)

Das mussten anno 1364 sowohl die Rathenower Ratsherren, als auch der Pfarrherr der Burg Milow zu beiderseitigem Schaden erfahren. Pfarrer Heinrich Bukow war nach Rathenow gekommen und dort mit den Ratsherren in ihrer eigenen Versammlung in Streit geraten. Die Ursache des Zwistes ist uns nicht bekannt, man kann aber annehmen, dass es sich um politische Fragen handelte. Denn Milow gehörte dem Erzbischof von Magdeburg, der sich viel Mühe gab, auch Rathenow als Einfallstor in die Mark in seinen Besitz zu bringen, und es 30 Jahre später auch wirklich durch Waffengewalt und Verrat gewann. Wahrscheinlich versuchte Heinrich Bukow an den Rathenowern seine Überredungskünste, dass sie von ihrem Markgrafen abfallen sollten, und die Rathenower lehnten es als treue Märker ab. Der Pfarrer ereiferte sich mehr und mehr und ging soweit in seinem Ungestüm, dass er sie mit Schimpfworten beleidigte und ihren guten Ruf und ihre Ehre in leichtfertiger Weise anschwärzte. Aber der tolle Zorn tut mehr Schaden als drei Dreschflegel. Das erlebte auch Heinrich Bukow. Die Ratsherren legten gewaltigtätig Hand an den unverschämten Priester, misshandelten ihn weidlich und warfen ihn in den Kerker, wo er in Fesseln über sein Auftreten nachdenken konnte. Soweit wäre die Angelegenheit ordnungsgemäß verlaufen, indem nach der Auffassung der Zeit auf einen Schelmen anderthalbe gesetzt waren. Nur eins hatten die Rathenower unterlassen, sie hatten die Einkerkerung ohne richterlichen Spruch vorgenommen. Und da der Gestrafte noch dazu ein Priester war, der unter dem Schutz der Kirche stand, so fiel ihnen ihre rasche Tat schwer auf die Seele. Sie erinnerten sich daran, welche schweren Folgen die Ermordung des Propstes Nicolaus von Bernau vor 40 Jahren für die Berliner gehabt hatte. Dieser, der gefährlichste Gegner Ludwigs des Bayern, hatte am 16. August 1325 von der Kanzel der Marienkirche zu Berlin in flammender Rede gegen den vom Papst gebannten Wittelsbacher gepredigt. Darüber brach die Wut der Berliner gegen ihn los. Er wurde vor der Kirche erschlagen, sein Leichnam auf den Neuen Markt geschleppt und dort auf dem Hochgericht verbrannt. Die Vergeltung, welche die Stadt Berlin dafür erlitt, war furchtbar. Sie wurde vom Papst Johann XXII. mit dem Bann belegt, der erst nach 22 Jahren von ihr genommen wurde, nachdem sie eine hohe Geldbuße bezahlt, einen Altar in der Marienkirche gestiftet und ein Sühnekreuz mit einer ewigen Lampe neben dem Kirchenportal errichtet hatte, wo der Propst erschlagen worden war. Während dieser langen Zeit hatte jeder Gottesdienst aufgehört und keine Glocke war erklungen. Ohne Sang und Klang waren die Toten begraben worden, kein Kind hatte die Taufe und kein Brautpaar den Segen der Kirche empfangen und auch das wirtschaftliche Leben der Stadt war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Da die Rathenower mit Schaudern an die Folgen dachten, die vielleicht auch Papst Urban V. über sie verhängen würde, so bemühten sie sich, eine friedliche Beilegung herbeizuführen. Von beiden Parteien wurden Schiedsmänner erwählt, und ein kaiserlicher Notarius wurde hinzugezogen, und so kam denn am 3. Weihnachtsfeiertage 1364 in der St. Marienkirche zu Rathenow ein gütlicher Vergleich zustande. Daran waren beteiligt auf der Rathenower Seite der Vizevikar Reyner von Berktzow als Schiedsrichter, sowie die Ratsherren Dietrich Wedeghen, Heinrich Dranse, Albert Wagenitz, Christoph von Bamme, Hermann Mews, Johannes Wulf, Henning von Foro, Nicolaus Pulmann, Johannes Dore, Nicolaus Moringk, Albert von Rynow, Bethekin Scroder (Schröder), Nicolaus Wils und Willikin Smetstorp. Auf der Gegenseite stand der Schiedsmann Johannes Alexii, Vikar im Dorfe Trebetzyn (wohl das eingegangene Dorf Trepzin am Gollenberg). Außerdem waren zugegen die Geistlichen Hermann Klitzing, Pfarrer in Rathenow, Bertram von Eigentorp, Arnold von Lochow, Dietrich von Zernitz, Nicolaus von Nordstede, Pfarrer in Nauen, Petrus, Pfarrer in Bamme, Johannes Crakow und die Rathenower Bürger Albert Vilther, Boldewin Bredekow, Arnold Sandow, Johannes Magnestorp (Mangelsdorf), Nicolaus Theltow, Michael von Pargam. Als kaiserlicher Notar fungierte Sander Nyendorp (Neuendorf).  Dieses stattliche Aufgebot an Priestern und Bürgern, das uns gleichzeitig zeigt, wie lange sich einzelne Familiennamen in Rathenow erhalten haben, brachte einen Vergleich zustande. Die Rathenower bekannten demütig ihre Schuld, baten um Schonung und Vergebung und erklärten sich zu jeder Sühne bereit, die der Spruch der Schiedsmänner ihnen auferlegen würde. Darauf antwortete der Pfarrer Heinrich Bukow, dass er wohlwollend und gutwillig vergebe und auch wegen der erlittenen Behandlung zu keiner Zeit späterhin Klage erheben werde. auch bitte er wegen der ausgestoßenen Schmähungen gebührend um Verzeihug. Danach setzten die Schiedsmänner fest, dass die Rathenower dem Pfarrer Heinrich Bukow eine lebenslängliche Buße von 4 Pfund brandenburgischen Pfennigen in 4 Raten am Fest der Beschneidung (1. Januar), zu Ostern, Johanni (24. Juni) und Michaeli (29. September) zu zahlen hätten. Die Ratsherren verpflichteten sich in ihrem und der Stadtgemeinde Namen, diese Summe, die nach heutigem Wert ungefähr 1200 Mark betrug, ordentlich und pünktlich abzuliefern. So hatte dieser Zwist ein friedliches Ende gefunden. Die Rathenower waren zu einer Zeit, als die Kirche eine gewaltige Macht darstellte, noch glimpflich davongekommen, und sie hatten, wenn sie auch zahlen mussten, wenigstens die Genugtuung davongetragen, dem Pfarrer seine Beleidigungen gebührend eingetränkt zu haben, denn „es ist besser in die Faust, denn in die Luft geredet.“ Den Pfarrer in Milow aber wird die ganz nette jährliche Zubuße haben vergessen lassen, dass sie ein Schmerzensgeld für eine selbstverdiente Unbill war, denn, wie mancher meint, stinkt Geld nicht. Er wird aber auch gelernt haben: „Wer in das Feuer bläst, dem fliegen die Funken in die  Augen.“

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Geschichte

Der Wehrturm der Kirche in Hohennauen

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:56


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Wehrturm der Kirche Hohennauen (2013)

Von der Ritterherrlichkeit ist nur der alte, als Wehrturm errichtete Kirchturm zu Hohennauen übrig geblieben. Er steht heute noch fest und unverrückbar, als wären die mehr als 700 Jahre nach seiner Erbauung spurlos an ihm vorübergegangen. Und mit ihm träumt zu seinen Füßen in unveränderter Schönheit der Hohennauener See als einziger treuer Schicksalsgefährte, der Zeuge alles dessen wurde, was der Turm erlebte. Alles andere wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte. Die Burg fiel in Trümmer und auf ihnen wucherten neue Herrenhäuser empor, Geschlechter kamen und vergingen, und aus einem kleinen Kiez wurde ein großes Dorf. Doch der Turm überdauerte alle Wandlungen, und seine Steine können erzählen, was in vielen Jahrhunderten in Hohennauen geschah. Als Albrecht der Bär vor 800 Jahren das Havelland in seinen Besitz brachte, wurden die wichtigen Flussübergänge durch Burgen befestigt. So erhielt auch der Winkel zwischen dem Hohennauener See und der Stollense, dem schiffbaren Abfluss des Sees zur Havel – den Kanal ließ erst Friedrich Wilhelm I. 1718 bis 1719 zur Entwässerung des havelländischen Luches graben – ein festes Haus oder Schloss. Zu seiner Anlage erwies sich ein Hügel links der Straße für geeignet, während der als Wehrturm vorgesehene Kirchturm auf dem gegenüberliegenden Hügel zwischen Straße und See seinen Platz fand. Eine Zugbrücke über die jetzt versumpfte Stollense und eine Schanze vervollständigten die Sicherheit des Passes in das Ländchen Rhinow. Die anderthalb Meter starken Turmmauern wurden mit Schießscharten versehen, welche die Brücke, den See und das Gelände neben der Burg beherrschten. Die hier abgebildete zweieinhalb Meter breite Nische enthält Platz für drei nach verschiedenen Richtungen schießende Schützen. Das Schloss hat bis ins 15. Jahrhundert oft seinen Herrn gewechselt. Aus der Hand des Markgrafen kam es um 1375 an die Grafen von Lindow. 1386 verpfändete es der Bischof Dietrich von Brandenburg an Eckehard von Stechow und Arnd Friesack auf sechs Jahre. Nach ihnen hausten die Zicker in der Feste, bis ihnen die verwandte Familie von Rohr folgte. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts finden wir Hohennauen im Besitz der Herren von der H a g e n , von denen zwei Teile 1692 an die Familie von Rauchhaupt und ihre Rechtsnachfolger von Quast, von Bornstedt und von Kleist kamen. Jetzt gehört die ehemalige Burg der Gemeinde und ist für Schul-, Jugend- und Gemeindezwecke umgebaut worden. Die anderen beiden Teile blieben im Besitz der Familie von der Hagen, die seit 1792 in einem neuen Haus in Hohennauen wohnte, das jetzt Frau von Graefe gehört. Während von vielen Besitzern Gutes zu sagen ist, lässt sich von Klaus und Hans von Zicker nur Unrühmliches vermelden. Sie machten Hohennauen um 1400 zu einem Raubnest schlimmster Art, in dessen Verließen mancher Gefangene, seiner Habe beraubt, schmachten musste. So überfielen sie vor etwa 550 Jahren die beiden Bürger Hans Nitze und Laurentz Vischer aus Herzberg und schleppten sie nach Hohennauen, wo sie als Lösegeld 62 Schock böhmische Groschen und ein Halbtuch schönen Gewandes von ihnen erpressten. Und 1413 nahmen sie bei einem Zug in das Erzstift den Leuten in Wust neun Pferde und zwei Ochsen, die sie in ihre Burg schafften. Es war verständlich, dass das durch Menschenhand und Natur so stark befestigte „hus tu Hogenowen“ oder das „Slossz hoghenawen“ in seinen Besitzern ein stolzes Gefühl von Sicherheit hervorrufen musste, besonders zu einer Zeit, als im 14. Jahrhundert die Gewalt des Landesherrn gleich Null war und die Kraft des Armes noch nicht durch Pulver und Blei lahmgelegt wurde. Später allerdings, als nach Einzug der Hohenzollern Ruhe im Lande war, artete bei dem Vorherrschen engherziger Kirchturmpolitik bei Bürgern und Adel und bei dem Mangel an Betätigung in idealen und sozialen Bestrebungen das Herrentum oft in kleinliche Stänkereien, in endlose Prozesse mit den Rathenowern und Rhinowern aus, die beiden Teilen Schaden brachten.  Alle diese Veränderungen in den Beziehungen der Menschen und Häuser hat der alte Wehrturm ohne Erschütterung überlebt und er wird auch weiter stehen, festgefügt aus märkischem Backstein, wie ein Fels in der Brandung der Zeiten, auch wenn seine kriegerische Laufbahn zu Ende ist.

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Geschichte

Kleinkunst im Alltag im Havelland

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:52


clip_image002Alter Lehnstuhl vor einem
bleiverglasten Fenster
in Rathenow

Wenn ich unser Havelland durchstreife, werde ich immer wieder von der Natur in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen entzückt. Mein Herz freut sich über „Gottes Gaben“, „ über der schönen Gärten Zier“, „Narzissus und die Tulipan“, die Wälder Berge und Täler, Wiesen und Felder. Vielleicht lasse ich aber auch meine Blicke kurz auf den Blüten der Kleinkunst ruhen, die dem Meister Tischler, Schlosser und Schmied ihre Entstehung verdanken. Einst ein reicher Blumenstrauß handwerklicher Fertigkeit, sind ihrer immer weniger geworden, und erst die neue Zeit besinnt sich wieder darauf, was dieser Schmuck den Vorfahren einst bedeutete. Ist er für uns auch oft nur ein kurzer Blickfang, so war er für sie Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Es war ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Hausrat, die sich nach ihrer Weise gestalteten und ausschmückten. So drückten sie den Dingen, die sie umgaben, mit denen sie täglich in Berührung kamen, den Stempel ihrer persönlichen Eigenart auf. Dadurch entstand eine bürgerliche und bäuerliche Kleinkunst, die in vielen Gegenden Deutschlands herrlichste Blüten trieb. Wenn auch in der Mark Brandenburg die Formenbildung nicht so üppig wucherte, so kommt aber auch hier die Freude am Gestalten und der Ausdruck der Sinnigkeit zur Geltung. Man sieht in den Rosen und dem Namenszug, mit denen der Karabinierleutnant Graf von Sparr das Treppengeländer seines Hauses in der Fabrikenstraße (Wilhelm-Külz-Straße) schmückte, die Freude über seine junge Ehe und das von ihm 1785 gekaufte Besitztum. Man erkennt den Handwerkerstolz, vielleicht auch das glückliche Familienleben des Schmiedes Michael Brathe in Friesack an der Zahl der Hufeisen und dem lustigen Blütengerank in seinem Handwerkszeichen. Als es eine Straßenbeleuchtung auf dem Dorfe noch nicht gab – es ist noch gar nicht lange her! Man will des Abends auf dem Dorfe oder in den abgelegenen Straßen der Stadt jemand besuchen und hat vielleicht schon mit einem modrigen Straßengraben eine unliebsame Bekanntschaft gemacht, ist man da nicht froh, wenn aus der pechrabenschwarzen Finsternis ein Lichtschimmer, der durch eine Ausschnitt im Fensterladen aus der Stube fällt, einem zuwinkt: Hier ist gut sein? Auf das Klopfen wird der Flur erleuchtet, und man erblickt als Schatten gegen die Helligkeit in dem Oberlicht über der Tür die Anfangsbuchstaben des Freundes, seiner Eltern oder der Großeltern und eine Zahl erinnert daran, dass das Haus 1807 nach dem großen Brande neu gebaut ist. Die Haustür wird geöffnet und man tritt in die Stube und wird von der Behaglichkeit des Familienlebens umfangen, als dessen würdigste Sinnbilder die alte Truhe mit dem schönen Beschlag und der noch ältere Lehnstuhl die Jahrhunderte überdauert haben. Nimmt sich der alte Lehnstuhl aus dem Jahre 1679 mit dem Sechsstern und dem Herzen, sowie der schönen Inschrift auf der Rückseite der Lehne in seiner Behäbigkeit nicht aus wie ein würdiger Bürger oder Bauer, auf dessen Festigkeit und Treue man sich verlassen kann? Diese wenigen Beispiele zeigen uns, dass es nicht schwer ist, die neuerdings wieder angestrebte Wohnkultur auch auf den angeführten Gebieten zur Ausführung zu bringen und dadurch unseren Häusern einen ganz persönlichen Ausdruck zu geben. Die Wetterfahnen, die Fensterladenausschnitte, die Oberlichter und der übrige Hausrat zeigen wes Geistes Kind man ist.

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Geschichte

Zahnarzt Lomnitz als Fotograf in Rathenow

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 22:48


clip_image001Älteste in Rathenow gefertigte
Porträtfotografie

Auch im menschlichen Leben nimmt das Schicksal mit uns zuweilen ganz eigenartige Verschiebungen vor, vor allem in den Berufen. Das erfuhr auch vor hundert Jahren der Königlich approbierte Zahnarzt B. Lomnitz aus Berlin, der alle Jahre gewöhnlich zweimal nach Rathenow kam und im Zimmer Nr. 9 der „Goldenen Sonne“ die Zahnkranken behandelte. Im September 1842 gab er durch das „Gemeinnützige Wochenblatt für Rathenow und Umgebung“ folgendes bekannt:

„Mehrseitige Aufforderungen veranlassen mich zu der ergebensten Anzeige, dass ich von Mittwoch dem 21. des Monats an, vormittags von 11 bis 1 Uhr, Daguerreotyp - oder Lichtbilder –Portraits in 15 bis 20 Sekunden bei günstiger Witterung herzustellen bereit bin.“ In zahnärztlichen Angelegenheiten war er außerdem drei Stunden vorher und zwei nachher zu sprechen. So war der erste Photograph in Rathenow ein Zahnarzt, der geschäftstüchtig genug war, durch die erst vier Jahre vorher von dem Franzosen Daguerre erfundene Photographie auf lichtempfindlich gemachten, versilberten Kupferplatten sich Patienten zu ködern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unter den hier und da in Rathenower Familien aufbewahrten Daguerreotypien auch manche von Lomnitz angefertigt wurden. In derselben Zeit geschah auch die sonderbare Geschichte mit „Blitzwulffen“. Dieser, als Leutnant von Wulffen bei den Rathenower Kürassieren stehend, war bei einer Übung vom Blitz getroffen und, als er nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden konnte, zum Begräbnis aufgebahrt worden. Da bemerkte sein treuer Bursche, der nicht an den Tod seines Herrn glauben konnte und nicht von der Leiche wich, dass sich der kleine Finger bewegte. Auf seine Meldung wurden abermals Wiederbelebungsversuche angestellt, die auch mit Erfolg gekrönt waren. Der Leutnant wurde wieder lebendig und behielt außer dem Spitznamen „Blitzwulffen“ keinen Schaden zurück, nur hatte er Verlobung vollständig vergessen. Doch das ist weiter nichts Absonderliches. Es ist schon vielen passiert, dass ihr Gedächtnis in puncto Verlobung und Ehe gänzlich versagt hat, ohne dass sie vom Blitz getroffen wurden. Mit dem Gedächtnis hapert es überhaupt zuweilen sehr. Das beweist besonders deutlich eine Anzeige, die im Februar vor 75 Jahren im Kreisblatt für das Havelland stand. Da heißt es nämlich: „Hinter dem Hause der Witwe Menzel vor dem Berliner Tore steht schon seit zwei Jahren eine Miete Holz. Der Eigentümer möge dieselbe bis zum 20. des Monats abholen.“  Dass jeder Mensch einen „Sparren“ hat, kann kaum widerlegt werden. Aber bewiesen wird es dadurch, dass es 1892 in Rathenow ein  Junggesellenklub gegründet wurde mit dem Ziel, seine Mitglieder zu Hagestolzen zu erziehen. Mit einer Geldbuße wurde der bestraft, der in den Stand der Ehe trat. Leichte Verrücktheit kann man auch bei den Müttern der „Höheren Töchter“ konstatieren, die um 1892 ihre Töchter mit Schmuck, Putz und auffallend modernen Trachten in die Schule schickten. Es kam sogar vor, dass die Mädchen im Unterricht ohnmächtig wurden, weil sie zu fest geschnürt waren, und dass ihnen aus demselben Grunde die Turnübungen unmöglich wurden. Da war jene Anna Maria Rühl, die vor zweihundert Jahren (1742) als Zietenhusar diente, ein anderer Kerl. Drei Jahre hatte sie es verstanden, unerkannt als Soldat im Zietenschen Regiment ihre Pflicht zu tun. Da geriet sie mit einem Kameraden in Raufereien und wurde zum Spießrutenlaufen verurteilt, wobei „ihr Geschlecht offenbar“ wurde. Nun hatte das Soldatenspiel ein Ende und sie kehrte wieder zu ihre Frauenrolle zurück, indem sie 1744 in Berlin heiratete.

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Geschichte

Die Jakobskapelle in Brandenburg

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 17:58


clip_image002Jakobskapelle in Brandenburg an der Havel (2013)

Um es gleich vorweg zu nehmen, die St. Jakobskapelle in Brandenburg, um die es sich hier handelt, ist nicht, wie es unter Menschen manchmal geschieht, verrückt „geworden“, sondern nur verrückt „worden“, und zwar ging das so zu. 1892 sollte die Jakobstraße in Brandenburg verbreitert werden, wobei die Kapelle, die schon seit 1320 an derselben Stelle stand, im Wege war. Da die Stadt Brandenburg stets bemüht war, ihre Eigenart durch Erhaltung und Pflege ihrer Bauten zu wahren, so wurde die Kapelle nicht kurzerhand abgerissen, wie man es wohl anderswo getan hätte, sondern man beschloss, sie um 11 Meter nach Westen zu rücken. Das Unternehmen erregte in bautechnischen Kreisen Deutschlands Aufsehen und wurde mit Spannung verfolgt, da es damals zu den größten Seltenheiten gehörte, ein massives Gebäude, das seine 4500 Zentner wog, zu verschieben. Der Versuch glückte, und nachdem die Kapelle am ersten Tage um 3,50 am zweiten um 3,88 und am dritten um3,62 Meter verschoben worden war, stand sie fest auf ihrem neuen Fundament.
Das Absonderlichste aber erlebte ich selber. Vor einigen Jahren bat mich der Leiter eines großen Werkes in Rathenow zu sich wegen zweier Schädel, die beim Ausheben einer Fundamentsgrube gefunden worden waren. Ich sah mir die Fundstelle und die Schädel an, und als ich nach Hause fuhr, tauchte allmählich aus der Vergessenheit eine Chaussee auf, auf der zwei Männer gingen und jeder in der Hand einen in Zeitungspapier gewickelten runden Gegenstand trug. An einem Wäldchen links des Weges machten sie Halt und buddelten dort die beiden Schädel, die sich in dem Papier befunden hatten, ein. Die beiden Männer waren mein Freund und ich selber. Er hatte den Auftrag von seiner Mutter erhalten, die Schädel nach dem Tode seines Bruders, der sie von irgendwo mitgebracht und lange Jahre aufbewahrt hatte, aus dem Hause zu schaffen. Da mein Freund auch ein Eulenspiegel war, so verabredeten wir, sie dort zu verscharren, wo sie jetzt gefunden wurden, und freuten uns im Voraus, was für schwere Gedanken ein späterer Altertumsforscher in seinem Denkgehäuse wälzen würde, wenn er sie fände. Ich konnte natürlich nicht ahnen, dass sie so große Anhänglichkeit an mich zeigen würden, aber möglicherweise waren es Vorfahren von mir. So erhielt der geheimnisvolle Schädelfund eine vergnügliche Aufklärung.

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Geschichte

Königlich Preußischer Kammersänger Albert Niemann

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Februar 2014 16:43


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Torhaus - Eingang zum Weinbergfriedhof

1885 kam der Königlich Preußische Kammersänger Albert Niemann aus dem Gasthof „Zur goldenen Sonne“ in Rathenow und setzte sich auf den Bock des kleinen Jagdwagens, auf dem schon der Droschkenkutscher Hübener thronte. Albert Niemann hatte eine auffallend hohe Gestalt mit blondem, schon etwas ins Graue spielenden Vollbart, eine Flinte umgehängt. „Guck mal, das ist ja Niemann“, sagten die Leute. Albert Niemann war zu seiner Zeit der berühmteste Wagnersänger und auch Jagdpächter der Rathenower Stadtforst. Nachforschungen bei dem 92 jährigen Rentier Karl Legeler, als Besitzer der Jagd auf dem Jederitzer Feld Niemanns Jagdnachbar, und dem Rentner Otto Hübener, dem Sohne des alten Droschkenkutschers, ergaben viele Einzelzüge aus dem Leben des Menschen und Jägers Albert Niemann, die das Bild des großen Künstlers ergänzen. Albert Niemann wurde auf eigenartige Weise Opernsänger. Er war am 15. 01.1831 in Erxleben als Sohn eines Gastwirts geboren und wollte ursprünglich Maschinenbauer werden, musste aber das Studium aufgeben, da seinem Vater die Mittel fehlten. Als 18jähriger war er am Straßenbau zwischen Helmstedt und Morsleben mit Steinefahren beschäftigt, wie stets fröhlich und aus voller Kehle singend. Hier hörte ihn eines Tages der Direktor des Brunnentheaters in Bad Helmstedt, der, überrascht von dem Wohlklang und der Kraft der Stimme, Niemann mit nach Dessau nahm, wo er durch die Unterstützung einer musikliebenden begüterten Dame seine erste Ausbildung erhielt. 1866 – 1887 bezauberte er die Berliner in der Königlichen Oper durch seine volle und schöne Stimme, seine schauspielerische Begabung und imponierende Erscheinung. Den gewaltigen Eindruck, den er hervorrief, fasste nach der ersten Bayreuther Festspielwoche 1876 der Maler Anton von Werner in seiner Selbstbiografie in die Worte zusammen: „Wer unsern Albert Niemann damals als Siegmund in der Hundinghütte in der Lenz – und Liebesnacht gesehen hat, wer ihn hat singen hören. „Winterstürme wichen dem Wonnemond“, für den sind Bayreuth, Wagner und Niemann ebenso unzertrennlich wie unvergesslich.“ Albert Niemann war aber nicht nur ein begeisterter Sänger, er war nebenbei auch ein leidenschaftlicher Jäger, und dadurch kam er in Beziehung zu Rathenow. Von 1879 bis 1889 hatte er die Jagd in der Stadtforst gepachtet, anfangs allein, nach 5 Jahren mit dem Berliner Verleger Georg Bürenstein zusammen. Gewöhnlich hielt er sich hier den ganzen Mai über auf. Er wohnte zuerst bei Taute im Deutschen Hause, Berliner Straße 24, wo 1900 Kurfürstenapotheke stand. Später stieg er mit Vorliebe im Gasthof „ Zur goldenen Sonne“, Berliner Straße 21 ab, dessen Wirt Schütze hieß (früher Kaufhaus Bünger).  Morgens in aller Herrgottsfrühe hielt gewöhnlich der Droschkenkutscher Hübener, der auf dem Hof der „Goldenen Sonne“ wohnte, mit seinem, von zwei flinken früheren Husarenpferden gezogenen Jagdwagen vor dem Gasthof und holte Niemann zur Jagd ab. Gegen zehn Uhr kehrten sie zurück und fuhren nachmittags bis zum späten Abend nochmals fort. Zwischen beiden hatte sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Niemann fuhr nie anders als auf dem Bock neben dem Kutscher, und als einmal ein vorwitziger Referendar sich dort hinsetzte, wurde er heruntergeholt: „Neben meinem Freund sitze ich.“ Dafür ging aber auch Hübener für ihn durchs Feuer. So war er einst durchgeweicht und steif vom Friesacker Gerichtstag nach Hause gekommen und wollte es sich eben bequem machen, als unerwartet Niemann in die Stube trat mit den Worten. „Ich habe eben eine Schnepfe geschossen, die müssen wir suchen.“ Sofort war die Müdigkeit vergessen, und beide fuhren nach der Eschhorst. Nach langem vergeblichen Mühen, wollten sie schon die Suche aufgeben, als Hübener, durch das Stehen des Hundes aufmerksam geworden, wieder zurückging und die Schnepfe in einem Wachholderstrauch fand. Niemann schickte sie sofort an das Hofmarschallamt, denn es war damals unter den Jägern Brauch, die erste Schnepfe dem Hof zu übersenden. Die 20 Mark, die es dafür gab, schenkte er Hübener, wie er überhaupt jede Gefälligkeit mit einem Fünfmarkstück belohnte. Als der Sänger 1888 eine Gastspielreise nach Amerika antrat, kam er durch Rathenow und fragte auf dem Bahnhof den Hoteldiener vom Deutschen Haus: „ Ist denn der Hübener nicht da?“ Als der verneinte, sagte er: „ Grüßen Sie ihn schön von mir, ich fahre nach Amerika.“ Bei seiner Rückkehr ließ er sich bald wieder in Rathenow sehen und begrüßte seine Kutscher mit den Worten: „Na, Hübener, was denken sie, dass ich ihnen mitgebracht habe?“ Dieser meinte, das wüsste er nicht, aber abgelegtes Zeug könne er gebrauchen. Worauf Niemann sagte: „Ach, abgelegtes Zeug ist nichts. Lassen Sie sich von diesem Stoff einen schwarzen Anzug machen.“ Einmal lud er die ganze Familie zum Besuch des Zoologischen Gartens ein, und als Frau Hübener gelegentlich äußerte, sie möchte doch zu gern Niemann singen hören, schickte er umgehend Karten zum „Tannhäuser“. In demselben Jahre, als Kaiser Friedrich starb, wurde auch Hübener an derselben Krankheit, dem Kehlkopfkrebs, von Dr. Bergmann und Dr. Bramann operiert und lebte noch viele Jahre danach. Niemann erschien bald nach der Operation im Krankenhaus und war gerührt, dass er seinen lieben Kameraden wieder auf dem Weg der Besserung fand. Dieser traf einige Zeit danach auf dem Rathenower Bahnhof Dr. Bramann und dankte ihm, dass er ihm das Leben erhalten habe. Zu den Treibjagden lud sich Niemann seine Berliner Freunde ein, wie den Opernsänger Krolopp , den Generalpostmeister von Stephan. Auch die Rathenower Pächter und Besitzer, wie Legeler, Hobrecht, Jungnickel, mit denen er gute nachbarliche Jagdbeziehung pflegte, lud er gelegentlich dazu ein. Im Verkehr stets liebenswürdig, konnte er doch, wenn er gereizt war, sehr grob werden. So fielen einmal dem Hausdiener der „Goldenen Sonne“, als dieser ihm die Jagdstiefel auszog, zwei von Niemanns Lefaucheurpatronen, die mit einem vorstehenden Stift entzündet wurden, aus der Tasche. Niemann sprang wütend auf und verabreichte dem leichtsinnigen und diebischen Hausdiener eine so gründliche Tracht Prügel, dass dieser wohl sein Lebtage keine fremde Patrone angefasst haben wird. Rathenow hatte Albert Niemann in sein Herz geschlossen. Selbst wenn er mit seiner Familie zur Erholung nach Tegernsee gefahren war, hielt er es dort nur ein paar Tage aus, dann musste er wieder nach Rathenow. Vor allem liebte er unseren Friedhof, den er sehr oft besuchte. Seine heimliche Schönheit und Unberührtheit, die damals noch nicht entstellt waren, da jedem die Grabstätten der Vorfahren unter den hohen Baumhallen, zwischen Fliederbüschen und efeubewachsener Mauer ein unantastbares Heiligtum waren, hatten es ihm besonders angetan. Am 13. 01.1917 ist Albert Niemann in Berlin gestorben.

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